Unsicherheit

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“
Joachim Ringelnatz

Interessant am Wort „Unsicherheit“ ist, dass es voraussetzt, dass es Sicherheit gäbe. Wahr ist, dass man sich sicher fühlen kann. Und auch das Gegenteil ist möglich – wie wir es momentan in vielen Städten und bei vielen Menschen beobachten können. Allerdings ist es irrenführend, wenn wir meinen, jemand anderer (der Staat, eine andere Asylpolitik, eine spezielle Partei etc.) könne für nachhaltige Sicherheit sorgen – vielmehr ist man selbst dafür verantwortlich, wie man mit Unsicherheit und im Speziellen mit seiner eigenen ungewissen Zukunft am Besten umzugehen lernt.

Wir geben uns einer Fehlmeinung hin, wenn wir denken, dass sicher ist, was messbar ist und unsicher macht, was (noch) nicht bemessen wurde. Und weil es davon so vieles gibt, wird verzweifelt versucht, mehr und mehr zu berechnen und damit eine Sicherheit vorzutäuschen, die es gar nicht gibt. Die Welt wird nicht sicherer – sie wird nur berechenbarer, und auch das nur vermeintlich, denn: Können wir uns sicher sein, dass der der Rechnung zugrundeliegende Algorithmus stimmt und alle noch so unwichtigen Faktoren auch berücksichtigt wurden? Und wenn ja, für wie lange gilt diese Sicherheit? Wann läuft die Frist ab, an der neue Faktoren zu einer neuen Berechnung hätten führen müssen?

Vor lauter Daten, die wir sammeln, bereitstellen und wieder neu zusammenfügen vergessen wir, zu leben. Und vor lauter Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte, dass wir einen Faktor für die Berechnung der Prognose vergessen haben könnten und unsere Zukunft sich anders entwickeln könnte als geplant, übersehen wir die Realitäten und nehmen das HEUTE gar nicht mehr wahr. Die Realität ist, dass wir in einem freien Land leben, dass wir Perspektiven haben, dass wir verschiedenste Kulturen kennenlernen können, dass wir Lese- und Bewegungsfreiheit haben und dass wir frei entscheiden können, wie wir leben möchten – und dass wir nicht sicher wissen, was morgen sein wird.

Vor lauter Daten, die wir sammeln, bereitstellen und wieder neu zusammenfügen vergessen wir den wichtigsten Faktor für unsere Berechnungen: Wir sind Menschen – und Menschen können aufgrund des Schlagens eines Schmetterlingsflügels plötzlich anders reagieren als vorgesehen – und damit jeden einzelnen Aspekt unserer Planung umwerfen.

Unsicherheit kann gefährlich sein. Sie kann aber auch überraschend sein und völlig neue Türen öffnen – und den bisherigen Horizont zum Kippen bringen.

Die Quote die ich rief…

Mehr Erfolg, mehr Macht, mehr Geld – TAZ vom 26. März 2014

Der Aufschrei ist groß – und das seit Jahren: Herr hilf, die Quote kommt! Die Wirtschaftsbosse reagieren, als handele es sich um eine die Apokalypse unweigerlich heraufbeschwörende Forderung, als würde man sie verpflichten, behäbige und gemeingefährliche Gorillas anstelle von gut bzw. sehr gut qualifizierten Frauen einzustellen.

Fakt ist doch: Es geht darum, sich bei gleicher Qualifikation von zwei Bewerbern zu verpflichten, eine Frau einzustellen – wohlgemerkt: bei GLEICHER Qualifikation. Und Fakt ist auch: Deutschland liegt auf dem Gebiet der Geschlechtergerechtigkeit weit hinter anderen EU-Ländern. Wir haben zwar eine Kanzlerin, aber auch diese sieht offensichtlich keinen Handlungsbedarf. Zwar kann man über das Werkzeug der Quote möglicherweise diskutieren, denn sie betrifft ja vorerst nur die Spitzenpositionen von DAX-Unternehmen. Allerdings würde dies möglicherweise zur Konsequenz haben, dass verkrustete Männerbündnisse unseres Arbeitsmarktes sich immer weiter auflösen würden. Eine andere Möglichkeit wäre, die Frage von einer ganz anderen Seite her aufzurollen: Gut bezahlte und gut qualifizierte Erzieherinnen und in der Folge eine Garantie für Krippenplätze, so dass eine Frau, die Kind und Karriere vereinbaren möchte, das auch tun kann. Ausbau von Heimarbeitsplätzen, die eine flexible Arbeitseinteilung ermöglichen. Und eine Förderung der Elternzeit auch bei den Vätern – ohne dass sie als Weicheier verlacht werden und ihre Karriere einen deutlichen Knick bekommt.

Eine Kombination von beidem wäre sinnvoll und wichtig, denn Deutschland verschwendet Kapital. Es lässt seine Söhne und Töchter jahrelang studieren, stellt aber dann nur die Söhne ihrer Qualifikation gemäß ein. Die Töchter bleiben im Dienstleistungssektor, verdienen weniger und kommen nicht von der Stelle. Ihr Potential wird verspielt und Frustration macht sich breit. Die ökonomischen Auswirkungen der psychischen Belastung, die mit der geistigen Unterforderung einhergehen, sind nur eine Frage der Zeit.

Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wenn wir ein offenes Land sein wollen, das seinen Bürgern und Einwanderern Perspektiven bieten will, das von dem Potential seiner Bürger profitieren will und demografisches und wirtschaftliches Wachstum haben möchte, dann können wir nicht dort stehen bleiben, wo wir jetzt sind. Wir müssen die Bereitschaft entwickeln, uns auf Neues einzulassen, anstatt an „Altbewährtem“ festzuhalten. Wir müssen uns öffnen für Lebensläufe, die nicht langweilig geradlinige Stationen abarbeiten – kurzum: Wir dürfen nicht nur die ersten Zeilen lesen, sondern müssen auch die darauf folgenden beachten, um zu entdecken, was die Menschen zu bieten haben. Und dies muss die Grundlage dafür sein, wer eingestellt wird und nicht das Geschlecht und der Name.