Der kleinste gemeinsame Nenner der Nation

Titelüberschrift der WELT am 27.03.2014: Tebartz-van Elst trägt die Schuld am Bauskandal

Tebartz-van-Elst ist zurückgetreten und kam damit seiner Absetzung durch den Papst zuvor. Dem ging eine längere Geschichte über den Bau eines Diözesanzentrums im Bistum Limburg voraus, dessen Kosten die anfänglich veranschlagten 5,5 Mio. Euro weit überschritten. Ein Detail kam zum anderen, die Medien stürzten sich darauf, in privaten Diskussionen wurde das Thema ausgebreitet und genüsslich zerpflückt.

Letztlich sind sich alle einig: Tebartz-van Elst ist der Inbegriff der kirchlichen Vermessenheit und der christlichen Verlogenheit. Er ist prunk- und protzsüchtig wie im Grunde die ganze Kirche und wie sie das auch schon seit Jahrhunderten ist.

Diese Aussage ist ja auch nicht total falsch – Tebartz-van Elst hat Millionen von Euro verschwendet. Er hat dies mit der Überzeugung getan, dass ein Bischof als ein von Gott Erwählter und Geweihter letztlich unfehlbar ist und daher a priori im Recht ist. Allerdings geht es im Grunde um etwas anderes als um die Verschwendung des Geldes und die Prunksucht. Es geht darum, welche Botschaft die Kirche heute hat – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft und ihre soziale und ethische Ausrichtung. Und wie ihre Beauftragten – Priester, Bischöfe und Kardinäle – diese transportieren. Es geht auch nicht darum, ob jemand in Armut leben sollte oder nicht, ob jemand verhüten darf oder nicht, ob jemand als Homosexueller zur Kommunion gehen darf oder nicht oder ob Wiederverheiratete geächtet werden oder nicht. Dies alles sind Fragen, über die man unendlich diskutieren kann, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Das Eigentliche bleibt dabei außen vor.

Und um darüber nicht diskutieren zu müssen, was eigentlich Kirche ist und sein sollte und vor allem, wie das, was Kirche sein könnte, neu belebt werden könnte, ist man nun froh, jemanden zu haben, auf den man alles Negative und alle Enttäuschung kanalisieren kann. Dazu kann man noch allen anderen Frust packen, den man über die Ungerechtigkeiten in der Welt eh schon hegt.

Dies alles ist menschlich – keiner ist davor gefeit. Aber wir sollten uns darüber klar sein und unsere Häme und unsere Rechthaberei in Frage stellen. Wir sollten unsere Handlungen überdenken und vor allem versuchen, uns ein umfassendes Bild zu machen, bevor wir undifferenziert Urteile fällen.

Advertisements