Identität und Identifikation

Vor einigen Wochen war ich auf einer Party – nach einiger Zeit kam dabei die Sprache auf Haltungen und Erwartungen im Bezug auf eine Arbeitsstelle. Die Gastgeberin, 1980 geboren, brachte die Sprache dabei auf „Generation Y“ und unterstrich eines ihrer Argumente damit, dass wir von der Generation Y ja zunehmend mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legen würden.

Sofort brach eine intensive Diskussion darüber los, bei der es weniger um Work-Life-Balance als vor allem darum ging, wer „Generation Y“ überhaupt sei und ob wir dazu gehören. Ich selbst, Ende der 1970er-Jahren geboren, fühlte mich weder altersmäßig noch inhaltlich dabei angesprochen – auch offiziell wird bei dieser Generation von den nach 1990 Geborenen gesprochen.

Interessant dabei fand ich aber, dass jeder im Raum sich eindeutig positionieren konnte, indem er sich entweder zugehörig fühlte (die Gastgeberin) oder definitiv nicht (fast alle anderen). Aber nicht nur das war interessant: Interessant war auch, wie daran deutlich wurde, wie sehr man sich (und dazu gehören wir letztlich alle) nach Identifikationsmerkmalen sehnt und diese sucht, für sich in Anspruch nehmen zu können. Auch dann, wenn klare Rahmenbedingungen (in dem Fall das Geburtsjahr) eigentlich eine Zugehörigkeit ausschließen würden. Das heißt, Identität ist etwas sehr subjektives – aber auch individuelles, wenngleich wir offensichtlich unseresgleichen suchen.

Identität heisst zunächst einmal, eine Vorstellung von sich selbst zu haben. Diese Vorstellung kann aber nicht nur behauptet oder erzählt werden, sondern sie will auch erprobt und akzeptiert sein, sie steht also in sozialen Bezügen. Wir haben keine Identität, sondern wir arbeiten an unserer Identität. Ein Element (es gibt noch zahlreiche andere) dieser lebenslangen Arbeit ist der Entwurf einer Lebensgeschichte. (Ulrike Jureit, Hamburger Institut für Sozialforschung)

Die Vorstellung von sich selbst, die Ulrike Jureit hier nennt, entsteht schon sehr früh – letztlich in dem Moment, in dem man sich als eigenes Wesen erfährt, also in dem Moment, in dem man „ich“ sagen und das vom „du“ unterscheiden kann. Wir erfahren uns als eigenständig, indem wir uns unterscheiden und in dieser Unterscheidung einen Wert festmachen – denn je mehr wir uns unterscheiden, desto weniger austauschbar sind wir.

Im Laufe der Jahre aber entwickelt sich unsere Identität erst, auch wenn bestimmte Charakter-Eigenschaften schon von Beginn an festgelegt sind. Frau Jureit spricht von „Arbeit an unserer Identität“. Es geht dabei vor allem darum, dass die Arbeit an der Erinnerung seiner Lebensgeschichte die Arbeit an der Identität ist. Gleichwohl findet sich hier ein anderer Aspekt, der in eine andere Richtung geht und der schwierig werden kann: Wenn wir an unserer Identität arbeiten, dann kann das auch heißen, dass wir im Sinne der Selbstoptimierung an einem Bild von uns arbeiten wollen, mit dem wir uns identifizieren können – das wir sozusagen als Repräsentant unserer selbst auftreten lassen. Und das möglichst alles mit dicker Ölfarbe vertuscht, was uns wenig repräsentativ erscheint.

Identität ist aber mehr als das, was wir an Stärken erarbeitet haben – oder welche Schwächen wir geschafft haben, vor anderen zu verbergen. Eine Vorstellung von sich selbst zu haben – dazu gehören die Schwächen genauso wie die Stärken. Dieses Gesamtpaket anzuerkennen, wäre dann eigentlich erst eine Vorstellung von sich selbst zu haben. Verstecken muss man die Schwächen dann nicht mehr, denn sie sind Teil der Identität, genauso wie unsere Gene, jeder Erfolg, den man im Leben hatte, jede Enttäuschung, jede Begeisterung und jede einzelne Träne. Sie alle formen unsere Identität – sowohl als aktiver als auch als passiver Vorgang.

Formen könnte also heißen, jeden Moment als bedeutsam zu erkennen, sich zu erinnern, indem man Erinnerungen teilt und sie dadurch aufrecht erhält – und seine Gedanken und Taten zu reflektieren, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was einem wirklich wichtig ist.