Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.

Wieder einmal hat er stattgefunden – der Hitler-Vergleich. Und wieder einmal ist er herausgepickt aus einem Gesamt-Zusammenhang. Der Aufruhr ist groß – gleichwohl der Grund dafür fragwürdig ist. Ungeschickt ist er zwar gewesen und man wundert sich, warum er in regelmäßigen Abständen auf irgendeinen Tisch kommt, wenn doch die mediale Reaktion fast immer die Gleiche ist. Egal, ob er von Hillary Clinton kommt oder von jemand anderem. Bei deutschen Politikern wird es meist besonders brenzlig. Für die Medien ist dies jedesmal ein schöner Vorgang, denn die entsprechenden Beiträge existieren ja alle bereits – nur die Namen müssen ausgetauscht werden.

Wie oft schon wurden im Laufe der Geschichte Vergleiche gezogen – immer ging es dabei darum, aktuelles Geschehen besser einordnen zu können. Und immer war es der Versuch, aufgrund von früheren Handlungen Vorhersagen treffen zu können über das, was nun gerade geschieht. Letztlich hat dies nie geklappt, denn in der Komplexität des Weltgeschehens wiederholt sich nichts in exakt der gleichen Weise ein zweites Mal. Vergleiche sind also letztlich immer Zeichen und Hinweis darauf, dass das aktuelle Geschehen nicht einzuordnen und das Handeln des Anderen nicht vorhersehbar ist. Der Vergleich ist meist auch ein Versuch, von der eigenen Unsicherheit abzulenken.

Der aktuelle Vorgang jedoch steht meines Erachtens symptomatisch für die Politik der Europäischen Union: Wir wissen nicht, was geschehen wird, verfolgen nahezu gelähmt das Geschehen in der Ukraine, nehmen erste Veränderungen auch in anderen ehemaligen Sowjetstaaten wahr und arbeiten an Reaktions-Strategien auf die nächsten Schritte Russlands.

Dabei wäre es anders herum richtig und eine andere Herangehensweise wichtig: Natürlich müssen wir auf bestimmte Vorgänge reagieren – vor allem aber müssen wir uns innerhalb von Europa einigen und eine klare europäische Politik erarbeiten. Wir müssen eine gemeinsame Linie finden, mit der wir wirklich zu Akteuren werden, die handlungsfähig sind. Die Lösung ist nicht, gebannt auf Russland zu starren, was dort wohl als nächstes geschehen mag. Wir könnten statt dessen versuchen, einen Schritt voraus zu sein.

Die Zeit ist um, in der jeder einzelne Nationalstaat seine Schäfchen als Schnellstes versuchen sollte, ins Trockene zu bringen. Denn wir sind nun Europäer – mit jeweils verschiedenen nationalen Wurzeln, das wohl – aber wir sind Europäer und sollten auch als solche handeln. Es ist, als hätten wir uns vor Jahrzehnten eine schöne und feine Robe gekauft, mit Gold bestickt und unermesslich wertvoll, aber viel zu groß – nun sollten wir versuchen, in diese hineinzuwachsen, damit wir sie in ihrer ganzen Kostbarkeit auch ausfüllen und sie beim Gehen nicht verlieren.