Langeweile

„Langeweile! Du bist die Mutter der Musen!“ sagt einerseits Johann Wolfgang von Goethe.
„Die Langeweile ist eine der furchtbarsten Plagen unserer Zeit.“ sagt hingegen Erich Fromm.

Es ließen sich unzählige weitere Zitate hinzufügen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – und dennoch alle ihre Richtigkeit haben. Langeweile kann Ursache für psychische Krankheiten sein wie für kreative Ideen der Motor. Langeweile kann zudem äußerst wichtig sein, denn durch sie bekommt das Gehirn Entspannung und kann zwischendurch abschalten. Langeweile kann aber auch zehren, wenn sie zu lange andauert. In diesem Fall ist sie nicht mehr Motor für kreative Ideen, sondern Totschläger – und damit Dämpfer jeglicher Geistesblitze.

Langeweile kann einen überall ereilen, im Urlaub genauso wie in der Schule und im Beruf. Vielen kommt also die Situation vielleicht bekannt vor: Man sitzt in der Arbeit, ist zutiefst unterfordert und dadurch nahezu gelähmt, sich selbst eine sinnvolle Tätigkeit zu suchen, alles andere hat man bereits erledigt: Zeitungslektüre, Kreuzworträtsel, Horoskope gelesen, Psycho- und Bildungstests gemacht, online geshoppt und nicht zuletzt die Stellenangebote durchforstet. Der eine oder andere, der überarbeitet ist, mag nun denken: „Wie beneidenswert – wie gern würde auch ich mich mal in der Arbeit langweilen und nicht Woche für Woche Überstunden machen und mit meiner Arbeit nicht fertig werden!“ Die Wahrheit ist: Keine der beiden Situationen ist beneidenswert. Vielmehr ist grundsätzlich das richtige Maß ausschlaggebend. Die Frage ist also, welches Maß an Langeweile hilfreich und nützlich ist und ab wann sie schadet. Und vor allem: Wie können wir selbst in die Lage kommen, das Maß unserer Langeweile selbst zu bestimmen?

Ein erster Schritt könnte sein, die Langeweile als Chance zu begreifen: Als Chance, herauszufinden, welche Bedürfnisse bestehen und warum diese gerade nicht befriedigt werden. Als Chance, herauszufinden, welche Ressourcen man selbst hat, an seiner Situation etwas zu ändern. Zudem als Chance, Neugier zu wecken an Themen, die man bisher außer Acht gelassen hat. Und nicht zuletzt als Chance, sich nicht als Opfer der Langeweile verursachenden Situation zu sehen, sondern sie als Antrieb zu verstehen, die unbefriedigende Ausgangssituation zu ändern beziehungsweise – wenn sich diese nicht ändern lässt – die Perspektive im Blick auf die Situation zu ändern.

Immer wird das nicht gelingen – aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, Langeweile als das zu begreifen, was sie ist: Eine Zeitspanne des Leerlaufes und der fehlenden Anforderung. Nietzsche bezeichnete die Langeweile als »eine unangenehme Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.«

Vielleicht ist Langeweile also die Zeit, die man hat, um seine Tasche zu packen – um vorbereitet zu sein, wenn die Reise losgeht.

Vom Abtragen des Schuttberges – ein Jahr NSU-Prozess

Als vor einem Jahr der NSU-Prozess begann, war der Medienrummel groß – nicht zuletzt deshalb, weil es bei den formalen Abläufen einige Dinge gab, die durchaus besser hätten funktionieren können. Nun aber ist das erste Jahr des Prozesses vergangen, in dem auf der einen Seite viel passiert ist: Die Taten sind einigermaßen rekonstruiert, seltsame Verwicklungen von Verfassungsschutz, BKA und Polizei sind zumindest benannt und viele der Nebenkläger kamen zu Wort.

Auf der anderen Seite ist man unsicher, ob die Taten des NSU innerhalb der Ermittlungsbehörden tatsächlich zu einem Umdenken führen – viel zu oft noch werden politisch motivierte Taten des rechten Milieus bagatellisiert und an viel zu vielen Ecken merkt man, es gibt ihn noch weiterhin und das sehr verbreitet: den institutionellen Rassismus, der sich durch viele Behörden und Gesellschaftsstrukturen zieht.

Aber – und das ist sicherlich auch mit ein Verdienst der vielen Nebenkläger-Anwälte, die – manchmal schon unerträglich kleinlich, aber eben doch unverzichtbar – immer wieder genau nachfragen und nachbohren: Es wird diskutiert und nachgedacht, Umstrukturierungen werden in Betracht gezogen und es wird deutlich, dass es tatsächlich eine Parallelgesellschaft gibt, in die sich Leute flüchten können, die sich entwurzelt fühlen und die keine Perspektiven für sich zu entdecken vermögen. Dies ist sicher vielfach im Osten des Landes der Fall, in dem auch fast 25 Jahre nach der Wende noch kein blühendes Eldorado entstanden ist, in dem sich alle gebraucht und beheimatet fühlen. Der Prozess zeigt an dieser Stelle auch die Schwächen Westdeutschlands auf, das gedacht hat, dass der Solidaritätszuschlag schon alles richten wird – und das bis heute in West und Ost denkt. Er zeigt auf, dass es vor allem im rechtsradikalen Milieu Gruppierungen gibt, die das Gefühl von Gebraucht-Werden und Zugehörigkeit besser vermitteln können. Und er zeigt auf, dass wir zwar sicher vieles aufgearbeitet haben und das auch gründlich – aber nicht gründlich genug, so dass zumindest der Verdacht besteht, dass sich vor allem im Verfassungsschutz und BKA Strukturen entwickeln und halten konnten, die ihre Anfänge während der NS-Zeit nahmen.

Der Prozess ist eine große Chance, einen tatächlichen Strukturwandel auszulösen. Das erste Jahr war sicherlich ein Jahr des Aufrüttelns – nun, da wir alle aufgewacht sein müssten, müssen Taten folgen.