Bildung

In Gesellschaft und Medien sorgt das Thema Bildung in regelmäßigen Abständen für Diskussionsstoff. Beteiligt sind in diesen Diskussionen nahezu alle Teile der Gesellschaft – Kirche, Politik, Bildungsinstitutionen sowie Wissenschaft und Forschung. Immer wieder wird gestritten, welche Bedeutung Bildung hat, wie hoch die Bildungsausgaben sind und sein sollten, einmal wird Bildung zur Chefsache ernannt, dann jedoch verschwinden notwendige Reformen wieder in den Schubladen.

Ursprünglich entstammt Bildung dem althochdeutschen Wort biliden: einer Sache Gestalt und Wesen geben. Der Begriff impliziert also künstlerisch Schöpferisches genauso wie die göttliche Schöpfung – und hat damit auch immer eine wert-gebende Bedeutung. In den Bereich der Pädagogik fand das Wort erst im 18. Jahrhundert Einzug. Im etymologischen Wörterbuch des Dudenverlages findet sich dazu jedoch auch die Bemerkung, der Begriff verflache aber vielfach zur Bezeichnung bloßen Formalwissens.

Und hier liegt auch die Krux: Solange wir über Bildung als den Bereich der Vermittlung von Formalwissen diskutieren, wird die Bedeutung von Bildung für die Menschheit – und damit das Wesen des Menschen – für Politik und Gesellschaft nicht klar sein. Die Wichtigkeit des Themas und die damit verbundene Notwendigkeit der Erhöhung der Bildungsausgaben kann gar nicht erkannt werden.

Die inhaltliche Aushöhlung des Wortes Bildung in einen direkten Zusammenhang mit der großen Problematik der momentanen Krisen zu stellen, ist sicherlich eine gewagte These. Es finden sich gewiss genug Gegenargumente – dennoch möchte ich die These stellen, zeigt doch die Geschichte, dass Bildung im Sinne von Wissen allein keine Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft und Wohlstand ist – im Gegenteil: die von Francis Bacon geprägte Aussage „Wissen ist Macht“ hat letztlich oftmals einen negativen Beigeschmack. Der Irrtum liegt in der falschen Verwendung dieser Aussage. Bacon meinte nicht, dass die Anhäufung von „Wer-wird-Millionär“-Wissen, also dem reinen theoretischen Wissen, Grundlage von Macht wäre. Vielmehr ging es ihm um die wissenschaftliche Denkweise der Scholastik, also dem Überprüfen und der Klärung von bestimmten Fragestellungen anhand von genauen theoretischen Erwägungen. Behauptungen sollen hier genau untersucht werden, Gegenargumente geprüft und erst dann wird über die Richtigkeit einer Theorie entschieden.

Es geht hier nun nicht um die Scholastik als solche – vielmehr soll anhand der Nennung dieser Methode auf den Bildungsbegriff rückgeschlossen werden, der eben nicht mit Wissen allein gleichgesetzt werden kann, sondern mehr ist als das: nämlich eine wirkliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Wissensbereichen und Themen. Dazu gehört eine grundlegende Kenntnis über die Entstehung der einzelnen Theorien, das Wissen um die gesellschaftliche Ordnung zu der Zeit, in der sie entstanden sind und – vor allem – das Wissen darüber, welche Probleme die Menschheit in ihrer Geschichte zu bewältigen hatte, welche Fehler sie dabei gemacht hat, auf welche Irre-Führer sie hereingefallen ist und welche Entscheidungen auf der anderen Seite Frieden und Wohlstand mit sich brachten. Dazu gehört auch das Wissen über bestimmte psychologische Mechanismen im Denken, Fühlen und Handeln des Menschen und das Erlernen, sich in Reaktionen des jeweiligen Gegenübers ein Stück weit hineinfühlen zu können. Nicht ich bin der Nabel der Welt und somit die Reaktionen der anderen fehlerhaft, sondern die Handlungsweisen meiner Mitmenschen haben ihre Ursachen und können erst nach genauer Prüfung auch meiner eigenen Handlungen als falsch oder richtig gewertet werden. Zudem besteht die Möglichkeit, dass ein abschließendes Urteil über falsch und richtig gar nicht gefällt werden kann, weil die Komplexizität des Problems zu umfassend ist.

Wenn wir also von Bildung in ihrem eigentlichen Sinne sprechen, dann fließen all diese Bereiche der Psychologie, der Geschichte, der Natur- und Geisteswissenschaften und der menschlichen Emotionalität mit hinein. Um diese zu vermitteln reicht es nicht, Erziehern, Kinderpflegern, Sozialpädagogen und Lehrern Fachwissen und Didaktik zu vermitteln, vielmehr gehören Kenntnisse über neuropsychologische Forschungen im Frühkindlichen Bereich, die Herausbildung der Möglichkeit, auf ein Gegenüber einzugehen und tatsächliche Sozialkompetenz dazu. Das Fachwissen darf nicht nur in der Fähigkeit der Beantwortung von Fragen zu entsprechenden Themen liegen, vielmehr muss die Auseinandersetzung mit den Themen gefördert werden, Kritik an bestehenden Behauptungen gefördert und die eigenen Empfindungen bei bestimmten Theorien diskutiert werden. Kindern zu vermitteln, dass die Welt nicht aus festgefügten Gegebenheiten besteht, sondern dass sie veränderbar und ein Mitdenken immerzu erforderlich ist, würde in der Folge zu einer tatsächlichen Bildung von mündigen Staatsbürgern führen. Dies allein ist dann zwar noch immer keine Garantie für eine Gesellschaft, die im Frieden miteinander lebt. Aber eine Basis dafür ist dadurch auf jeden Fall geschaffen.

Bildungsausgaben müssen also genau dorthin fließen: In die Ausbildung der Pädagogen, in die Attraktivität der pädagogischen Berufe und in die äußeren Umstände, unter denen die Kinder aufwachsen: Raum für ihre Entwicklung, Personen, die auf ihre Fragen eingehen können und die Zeit und Möglichkeit, durch das Infragestellen von Wissensinhalten Wissen zu erwerben.

Erst dann kann man von Bildung sprechen, die dem zwischenmenschlichen Miteinander eines Zoon politicon auch wirklich entspricht.

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Wenn wissenschaftliche Ergebnisse nicht passen, sind die Wissenschaftler Schuld!

Es ist bereits das zweite Mal in kurzer Zeit, dass Mitglieder der CSU aus wissenschaftlichen Studien interessante Schlüsse ziehen. Aktuell geht es um die PKW-Maut, bei der der wissenschaftliche Dienst des Bundestages zu dem Schluss kam, dass die Maut rechtswidrig sei (http://www.sueddeutsche.de/auto/verstoss-gegen-europarecht-bundestagsexperten-nennen-dobrindts-pkw-maut-diskriminierend-1.2074419). Allerdings sei – so die CSU – das Gutachten schlecht durchgeführt und daher nicht richtig. CSU-Generalsekretär Scheuer plädiert sogar dafür, die Gutachter nicht mehr für den wissenschafltichen Dienst arbeiten zu lassen.

Ein ähnlicher Fall war letzte Woche die Diskussion um das Betreuungsgeld. Hier hatten Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund mehr als 100.000 Eltern mit Kindern unter drei Jahren befragt. Sie hatten dabei herausgefunden, dass die Inanspruchnahme des Betreuungsgeldes bei sozial benachteiligten Familien oftmals dazu führt, dass deren Kindern das staatliche Angebot der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung entgehen würde. In der Folge könnten deren Chancen im späteren Schul- und Berufsleben dadurch eingeschränkt sein.

Auch hierzu kam von Seiten der Europaabgeordneten Niebler (CSU) in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Anklage, dass wissenschaftliche Studien doch gar nicht wiedergeben könnten, was tatsächlich dem Alltag der Familien entspräche (http://www.deutschlandfunk.de/betreuungsgeld-rueckmeldungen-der-familien-sind-positiv.694.de.html?dram:article_id=292964). Angelika Nieber spricht in dem Interview davon, dass sie mit vielen Menschen gesprochen hätte, die das Betreuungsgeld sehr hilfreich fänden. Dies wäre im Gegensatz zu einer wissenschafltichen Untersuchung Beweis genug, dass das Betreuungsgeld die richtige Entscheidung wäre.

Eine solche Verweigerungshaltung gegenüber Fakten, die – im Falle der frühkindlichen Bildung – Weichen stellen könnten auf dem Wege zu einer tatsächlichen Chancengleichheit oder die Fakten, die die geplante Maut als eine Konterkarierung einer einheitlichen europäischen Gesetzgebung entlarven ist wirklich erschreckend. Nicht die Wissenschaftler sollten ausgewechselt werden, sondern die Politiker, die deren Forschungen nicht anerkennen.

Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.

Dieses Zitat von John F. Kennedy ist gut bekannt – und es ist heute noch genauso aktuell wie vor 50 Jahren. Die neueste Forderung der Nationalakademie Leopoldina und weiterer Wissenschaftsakademien lautet: Vorschulkinder brauchen mehr Bildung! Laut SZ ist eines der Grundprobleme unserer frühkindlichen Kinderbetreuung, dass die Qualität eben dieser sehr zu wünschen übrig lässt. Die Betreuerinnen hätten zu wenig Kenntnis über die frühkindliche Entwicklung, die Gruppen seien zu groß – was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir zu wenig Kinderbetreuerinnen haben – und damit in direktem Zusammenhang stehend gingen Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen zu wenig auf Defizite der Kinder ein. Denn hierzu fehlt eben zum einen das pädagogische Wissen, wann man eingreifen müsste und zum andern die Zeit, sich wirklich mit den Kindern zu beschäftigen.

Gemessen an unserer Wirtschaftskraft liegen unsere Bildungsausgaben auf einem solch niedrigen Niveau, dass man sich immer wieder von neuem fragen muss, was genau denn so schwierig daran zu verstehen ist, dass vor allem in diesen Bereich investiert werden muss. Laut OECD (http://www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm) stagnieren die Bildungsausgaben in Deutschland seit 1995 nicht nur, sie sinken, und zwar von 3,4 auf 3,2% des BIP. Verglichen mit Ländern wie Norwegen, Finnland oder Dänemark, in denen die Ausgaben entweder konstant bei 5 % liegen oder auf 5 % stiegen, kommt Deutschland hierbei schlecht weg. Und dabei stehen wir vor immer größeren Anforderungen, wenn wir den Menschen in unserer pluralistischen und vielseitigen Gesellschaft wirklich gerecht werden wollen und – das nicht zu vergessen! – auf der anderen Seite unsere Wirtschaftskraft erhalten wollen.

Die Bildungsgeschichte in Deutschland hat natürlich – verglichen mit anderen Ländern – vieles zu bewältigen gehabt. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand das Ideal der bürgerlichen Familie, in der die mütterliche Erziehung Vorrang hatte (um dieses Ideal wird bis heute gestritten). Ein tiefer Einschnitt war sicherlich der Nationalsozialismus, in dem es nicht mehr um ein breite Bildung ging, sondern um die Vermittlung von rassistischen Idealen und die Vorbereitung auf einen Krieg. Der Aufbau von neuen Strukturen und die Entnazifizierung von pädagogischen Lehrmeinungen erforderte in der Nachkriegszeit viel Kraft. Mit Zunahme der Berufstätigkeit von Frauen verlagerte sich dann die Erziehung von der Kernfamilie weg zur Kinderbetreuung. Der Staat allerdings sah sich dabei nur als ein Gebilde, das die Familien dabei etwas unterstützt – in wirkliche Kinderbetreuung mit pädagogischer Förderung wurde nicht investiert. Nach der Wende dann stießen zwei deutsche Gesellschaften aufeinander, die auch im Bereich der Kindererziehung sehr unterschiedlich entwickelt waren – in der ehemaligen DDR lag beispielsweise die Zuständigkeit für Erziehungsfragen beim Erziehungsministerium und war in den Schulbereich integriert. Somit war auch die Betreuung sehr gut ausgebaut. Auch hier stellt sich die Frage, welche Konzepte in den folgenden Jahren entideologisiert werden konnten und nun in ein bundesdeutsches Konzept übernommen und entwickelt werden können und welche nicht.

Was übernommen wurde ist, dass der Ausbau von Kindertagesstätten zwar voranschreitet. Es ist somit gewährleistet, dass die Kinder beaufsichtigt sind und sich möglichst wenig Arme brechen oder ihnen sonstiges körperliches Unheil widerfährt. Inhaltlich jedoch hat sich kaum etwas entwickelt. Zwar gibt es bereits umfangreiche Lehrpläne für Kindergärten – die Theorie also steht, scheitert aber an der Realität der kindlichen Bedürfnisse und den Kapazitäten des Erziehungspersonals! Denn umgesetzt und verbessert kann dieser gut gemeinte Lehrplan solange nicht werden, wie die Bezahlung der ErzieherInnen und KinderpflegerInnen so miserabel ist, dass kaum jemand diesen Job machen will.

Non scholae, sed vitae discimus?

Seneca sagte es schon damals ganz richtig: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! Jedem Schüler wird jedoch von der 1. Klasse an das Gegenteil wiederholt erzählt, nämlich dass er nicht für die Schule lerne, sondern für das Leben. Eine gesonderte Auswertung der aktuellsten Pisa-Studie beschäftigte sich nun damit, wie gut Schüler nicht nur allgemein in Deutsch, Englisch, Mathe oder anderen Fächern abschneiden, sondern wie gut sie alltägliche Probleme zu lösen in der Lage sind. Deutschland schloss bei der Auswertung nicht gut ab.

Verwunderlich ist das nicht. Die Ursachen dafür sind sicherlich vielfältig und kenntnisreiche Pädagogen werden sich damit nun auseinandersetzen. Das aber genau ist m.E. das Problem. Der Bildungssektor wird immer deutlicher auf das Pädagogische reduziert. Es gibt viel zu wenig interdisziplinäre Herangehensweisen – und das wiederum ist ein Kreislauf, der bei den Schülern anfängt, sich im Studium der künftigen Pädagogen fortsetzt und sich bei den zukünftigen Professoren für die pädagogischen Fächer manifestiert.

Wir haben ein Problem!

Denn es betrifft ja nicht nur das pädagogische Feld. Während wir 1988 noch ca. 17.000 verschiedene Berufsklassifikationen hatten, sind es im Jahr 2010 bereits fast 24.000 – also 7.000 Berufe mehr. Das heißt, es findet eine immer stärkere Spezialisierung statt. Und das sowohl in den Ausbildungsberufen als auch im akademischen Bereich. Eine breite Allgemeinbildung bleibt außen vor. Eine spezialisierte Fachkraft beherrscht nun zwar explizit ihr Fach und das ausgezeichnet. Mehr jedoch auch nicht. Ausbildung bedeutet aber mehr als nur die korrekte Ablieferung einer Diplom- oder Magisterarbeit, die Beherrschung des korrekten chirurgischen Schnittes, die gut ausgeführte Bedienung einer Maschine oder die richtige Berechnung einer mathematischen Fragestellung. Ausbildung wäre eigentlich ein ganzheitliches Konzept, zu der die Beherrschung eines Berufes genauso gehört wie das Erlernen von sozialen Kompetenzen wie Konsequenzenbewusstsein und Verlässlichkeit. Zu einer Ausbildung gehört des Weiteren, Zusammenhänge zu verstehen zwischen dem persönlichen Leben und den Auswirkungen seiner eigenen Handlungen auf die Gesellschaft. Und zu einer Ausbildung gehört auch das Verständnis von der Wertigkeit seiner Umwelt und jeden menschlichen Lebens.

Um das alles vermitteln zu können, braucht es Ausbilder und Professoren, die selbst dazu in der Lage sind. Die sich eine Haltung zu den Vorgängen in der Welt erarbeitet haben und umgekehrt wissen, wo sie Halt finden können. Wenn aber Ausbilder und Professoren ebenso haltlos sind – wie sollen sie Wissen und Lebenskonzepte weitergeben, die tatsächliche Lebensnähe beinhalten?