Gute Vorsätze

Wenn man bei Google nach guten Vorsätzen sucht, wird automatisch das neue Jahr dazu vorgeschlagen. Und wenn man dann einem der vielen Links folgt, stößt man auf verschiedene Listen, die auf der Grundlage von Umfragen basieren und inhaltlich kaum voneinander zu unterscheiden sind. Eine davon bezieht auch den Unterschied zum Vorjahr mit ein:

Top Ten der Neujahrsvorsätze im Überblick:

  • Top 1: Stress vermeiden oder abbauen (60 Prozent/im Vorjahr 57 Prozent)
  • Top 2: Mehr Zeit für Familie/Freunde (55 Prozent/im Vorjahr 54 Prozent)
  • Top 3: Mehr bewegen/Sport (55 Prozent/im Vorjahr 52 Prozent)
  • Top 4: Mehr Zeit für mich selbst (48 Prozent/im Vorjahr 47 Prozent)
  • Top 5: Gesünder ernähren (48 Prozent/im Vorjahr 47 Prozent)
  • Top 6: Abnehmen (34 Prozent/im Vorjahr 31 Prozent)
  • Top 7: Sparsamer sein (28 Prozent/26 Prozent)
  • Top 8: Weniger fernsehen (15 Prozent/16 Prozent Prozent)
  • Top 9: Weniger Handy, Computer, Internet (15 Prozent)
  • Top 10: Weniger Alkohol trinken (zwölf Prozent)

Auch in den Fitneßstudios geht es zu Jahresbeginn zu wie beim Sonderschlussverkauf und die Verkaufszahlen für Sachbuch-Literatur zum Thema gesunde Ernährung und Diäten steigen massiv an.

Beruhigend ist – das kann man aus den wiederkehrenden Listen deutlich herauslesen – dass es allen Menschen gleich geht: Nachdem ein paar Tage oder sogar Wochen vergangen sind, kehren wir zu unserem „normalen“ Leben zurück, sind gestresst, fallen nach der Arbeit aufs Sofa, haben dazu eine Pizza und einen guten Wein in der Hand und die Einkaufszettel für neue Klamotten, Filme, Technik oder ähnliches bereits bei Eintritt in die Wohnung schnell entsorgt.

Warum aber klappt es nicht? Nur, damit wir beim Schreiben der Liste fürs nächste Jahr Papier sparen und diejenige vom Vorjahr wieder nutzen können? Dass wir die guten Vorsätze oft an das neue Jahr knüpfen zeigt, dass wir für solche Vorhaben gerne eine Art Ritual haben – etwas, das unseren guten Willen mit kosmischen Strömungen untermauert und uns so beim Durchhalten hilft. Die kosmischen Strömungen halten aber nicht durch – und daran zeigt sich auch das Problem: der Zeitpunkt hängt von uns ab und nicht von äußeren Einflüssen. Wir müssen etwas wirklich WOLLEN, dann halten wir es auch durch.

Vielleicht wäre das ein wirklich guter Vorsatz fürs neue Jahr: Herausfinden, was man WIRKLICH will und warum. Nicht eine Liste erstellen mit allgemein gültigen und vernünftigen Vorhaben – gesund ernähren, abnehmen, mehr Sport: das alles ist sinnvoll und richtig, aber es findet sich darin zu viel von „Man sollte nun wirklich mal weniger/mehr…“! Vielleicht könnte man diese Sache anders mal betrachten:

Was gefällt mir eigentlich an mir und womit komme ich wirklich gut zurecht? Wie kann ich diese Punkte stärken? Und gibt es etwas, was mich seit Jahren stört, was ich aber noch nie geschafft habe, wirklich zu ändern? Warum vor allem stört es mich und warum habe ich es noch nie geschafft zu ändern? Muss ich möglicherweise nur ein Detail etwas modifizieren, um einen ganzen Störfaktor zu verändern?

Ausgangspunkt beim Thema „Abnehmen“ beispielsweise ist oftmals, dass man nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht und auch nicht all die wunderbaren Kleider tragen kann, die auf Oscarverleihungen oder in Modemagazinen zu sehen sind. Und so sehr man sich abmüht, die Model-Karriere bleibt höchst unwahrscheinlich – vielmehr findet sich auf jeder Jahres-Liste der Punkt „Abnehmen“ erneut und man ist trotz der guten Vorsätze der vergangenen Jahre noch kein Gramm weiter gekommen. Ein Detail am Störfaktor Gewicht könnte also sein, dass man ein völlig falsches Bild hat davon, was man zu erreichen sucht. Menschen sind verschieden und so gibt es auch verschiedenste Kleider, die in verschiedensten Größen schön aussehen. Abnehmen ist möglicherweise trotzdem sinnvoll, um seine Kniegelenke zu schonen und um besser einen Berg heraufzukommen und sofort die schöne Aussicht genießen zu können und nicht erst nach einer Verschnaufphase von mehreren Minuten. Abnehmen ist also nicht etwas, mit dem man sich quält und kasteit, sondern etwas, mit dem man sich etwas Gutes tut. Das Ziel ist also nicht „Dünn sein“, sondern sich mit seinem Körper wohl zu fühlen und Körper und Geist in Einklang zu bringen. Ein Stück Schokolade ist dann auch keine „Sünde“ mehr, sondern kann durchaus dazu beitragen, sich mit seinem Körper wohl zu fühlen – vorausgesetzt, man genießt es dementsprechend.

Die grundsätzliche Frage, die man sich also stellen sollte ist: Was brauche ich im Moment tatsächlich, um mich mit meinem Körper wohlzufühlen. Dies trifft zu beim Thema abnehmen, Sport und Gesundheit. Es trifft aber auch zu bei allen anderen Themen der Gesellschaft: Ich fühle mich unwohl bei Streit und Zwist: Was brauche ich, um mich und die anderen Beteiligten zu beruhigen? Ich fühle mich auch unwohl, wenn Dinge gesagt oder getan werden, denen ich nicht zustimme: Was also brauche ich, um dafür einzustehen, was ich empfinde und denke?

Es ist eigentlich ganz einfach – und: ich kann es langsam und Schritt für Schritt umsetzen und komme damit mir selbst immer näher!

Frohes neues Jahr!

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Gender-Mainstreaming

Im Mai 2014 sind gleich zwei wichtige Entscheidungen gefallen, die die Genderdebatte beflügeln werden, zumindest könnte und sollte das so sein.

Zum Einen fällte das Berliner Verwaltungsgericht ein Urteil, dessen Umstände fast schon lustig waren. Ausgerechnet unsere ehemalige Familien- und Frauenministerin Schröder hat bei der Besetzung dreier wichtiger Posten – dem des Pressesprechers, dem des Staatssekretärs und dem des Beauftragten für Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs – den üblichen Verwaltungsweg umgangen und drei Männer ihres Vertrauens eingestellt ohne die Frauenbeauftragte in die Entscheidung mit einzubeziehen. Dies war nicht rechtens, so entschied das Gericht, denn die Frauenbeauftragte muss in den Entscheidungsprozess mit eingebunden werden.

Zum Andern gewann am 10. Mai 2014 Conchita Wurst den Eurovision Songcontest. Conchita Wurst bezeichnet sich selbst auf ihrer Internetseite als „Statement für Toleranz“. Geboren wurde sie als Tom Neuwirth und schuf aufgrund ihres langen Kampfes mit Diskriminierung in ihrer Jugend eine Kunstfigur, die wunderschön und weiblich, und dennoch mit dem männlichen Attribut des Vollbartes auftritt.

Sie ist somit die personifizierte Gender-Debatte: Vor allem, weil man nicht weiss, ob man von „ihr“ oder „ihm“ sprechen soll und an dem Punkt klar wird, dass unsere Sprache dem Menschen nicht ausreichend gerecht wird, denn es gibt Menschen, die ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale geboren werden oder die sich mit ihrem Geschlecht als „richtige Person im falschen Körper“ fühlen. Ob es nun 1 % an Geburten mit nicht klarem Geschlecht gibt oder 4 % ist letztlich ohne Bedeutung. Von Bedeutung ist, dass es Menschen gibt, die entweder mit dem Zeitpunkt ihrer Geburt nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind oder sich selbst nicht eindeutig zuordnen können. An Conchita Wurst wird zudem deutlich, wie wichtig es – ob für die Gesellschaft oder für die individuelle Person, sei vorerst dahingestellt – zu sein scheint, einem eindeutigen Geschlecht zuortenbar zu sein und wie sehr die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht Ausschlag gibt für die eine oder andere Entscheidung.

Gender-Mainstreaming (Gender als die Bezeichnung vom sozialen Geschlecht im Unterschied zur Bezeichnung „Sex“ von biologischem Geschlecht) möchte die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern in allen Bereichen des gesellschaftlichen und beruflichen Lebens berücksichtigen, um so eine Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Der Begriff ist also nicht mit „Feminismus“ gleichzusetzen, da hier beide Geschlechter beziehungsweise alle Menschen – egal welchen Geschlechts – einbezogen werden sollen.

Die Debatte ist von starker Emotionalität auf allen Seiten begleitet, was zeigt, wie wichtig sie ist. Auch der Sieg von Conchita Wurst spaltet, denn während viele den Sieg als Sieg für Toleranz feiern, kommen auch unzählige Stimmen zu Wort, die diesen Sieg als Beginn des Untergangs Europas bezeichnen.

Der Kampf um eine Chancengerechtigkeit für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe und ihrer sexuellen Ausrichtung ist noch lange nicht gewonnen – er ist aber auch noch nicht verloren!