Europa – Unsterblich wird dein Name sein!

Als Zeus Europa entführte, vollendete er einen Plan, der in dem Moment in seinem Geiste entstanden war, als er die Schönheit und den Liebreiz Europas vom hohen Olymp aus entdeckte und sofort zu ihr entbrannte. Das Versprechen, das er ihr gab war jenes, den Erdteil, zu dem er sie entführte, nach ihr zu benennen. Die Entführung Europas ist gleichsam die Taufe eines Kontinents, mit dessen Namen man auf ewig Schönheit, Anmut und Fruchtbarkeit verbindet. Die Geschichte, die darauf folgt, könnte reichhaltiger und vielfältiger nicht sein. Es ist eine Geschichte von ständigem Wandel: von Aufbrüchen und Wachstum, von Krieg und Frieden, von Wohlstand und wissenschaftlichen Glanzzeiten – und von schwarzen Gräben, wie sie tiefer und schwärzer nicht sein könnten. Das heutige, in weiten Teilen seit Jahrzehnten befriedete Europa ist ein Novum aus Sicht der Geschichtsschreibung.

Joschka Fischer sagte in einem Gespräch mit Helmut Schmidt, dass seine Sorge nicht sei, Europa würde mit einem großen Knall enden. Vielmehr befürchte er, dass Europa sich mehr und mehr entleert und nur mehr als Hülle bestehen bleibt. Ist seine Sorge begründet? Was sind die historischen Pfeiler, auf denen Europa gebaut wurde? Und was sind die Säulen, auf die sich unser heutiges Europa stützt? Vor allem aber: welche Möglichkeiten haben wir, diese Säulen heute tragfähig zu gestalten und das Konstrukt Europa dauerhaft mit Inhalt zu füllen?

Die geschichtlichen Ursprünge Europas gehen weit in die Antike zurück und bilden das Fundament unseres Welt- und Menschenbildes. Geeint war Europa dennoch nie – erst Karl der Große machte die ersten Einigungsschritte und gilt daher bis heute als „Vater Europas“. Die vielen Kriege, die dennoch in den folgenden Jahrhunderten folgten, mündeten schließlich in den 30jährigen Krieg, der mit dem ersten internationalen Friedenskongress und dem hier getroffenen Westfälischen Frieden beendet wurde. Er war eine Zäsur in der europäischen Geschichte, da er maßgeblich zur gesamteuropäischen Stabilität beitrug und Beispiel war für zahlreiche nachfolgende Friedens-Verhandlungen.

Machtstreben und Konkurrenzkampf der europäischen Großmächte führten jedoch weiterhin zu ständigen Kämpfen, Kriegen und Revolutionen. Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert gingen ebenfalls von Europa aus und hinterließen spätestens 1945 ein schwarzes Loch auf allen Ebenen: Nicht nur Millionen von Soldaten waren getötet, Feindschaft zwischen den Völkern gesät und Grenzen zunichte gemacht worden, auch Menschenwürde und Menschlichkeit als solche war nahezu vernichtet worden.

Aus den Trümmern des Schlimmsten, was der Mensch anzurichten in der Lage ist, entstand in Deutschland eine Verfassung, die ein Juwel unter den Verfassungen ist und in Europa ein immer größer werdender Zusammenschluss von Nationen, der sich bis heute zu einer Union entwickelt hat, die zusammenarbeitet, gemeinsam zum Wohl der Bürger entscheidet und dennoch ein föderatives Bündnis darstellen möchte. Wenn man in Brüssel das Parlament besucht und das im Jahr 2012 neu eröffnete Parlamentarium, kann man dort zurückblicken auf die konzentrierte Geschichte der letzten 70 Jahre und man wird gewahr, dass die Europäische Union auch in Zukunft alternativlos sein wird. Die Globalisierung mit ihren Vor- und Nachteilen ist nicht rückgängig zu machen und sich ihr zu verweigern, indem man auf klar nach aussen abgegrenzte Nationen setzt, ist reaktionär und auch aus wirtschaftlicher sicht fragwürdig. Vielmehr haben wir in Europa die Möglichkeit, auf dem Fundament unserer demokratischen Werte ein Staatenbündnis ausbauen zu können, in dem Menschenwürde und Menschenrechte erhalten und ihnen grundlegender Wert beigemessen wird und das – vor allem – dafür auch einsteht. Wir können die Probleme, vor denen wir heute stehen – Syrien, Ukraine, der gesamte nahe Osten und eine sich möglicherweise wiederholende Weltwirtschaftskrise – nicht allein als einzelne Nationalstaaten lösen.

Am 25. Mai werden wir wieder an die Urnen gerufen – wir haben die Möglichkeit, an einer Geschichte mitzuwirken und weiterzuschreiben und einen kulturell vielfältigen, politisch handlungsfähigen und gesellschaftlich lebenswerten Ort zu erhalten und auszubauen, der aus vielerlei Hinsicht ohne Alternative ist.