Flucht

„Man muss das Fremde wahrnehmen, um sich selbst zu verstehen“…

… sagt Navid Kermani in einem Interview im Kölner Stadtanzeiger im August 2015. Von Wahrnehmen ist jedoch vielfach keine Rede – vielmehr von massiver Abwehr und von Hass und Gewalt gegen alle, die von ihrem Recht auf einen Asylantrag Gebrauch machen.

Als vor zwei Jahren 300 Tote aus dem Mittelmehr gefischt wurden, war die Betroffenheit groß – genauso groß blieb der Unwille, auch nur einen Deut an der Flüchtlingspolitik zu verändern. Die Folge davon sind allein 2.500 Tote im Mittelmeer im noch nicht vollständigen Jahr 2015 – und 71 Tote in einem Lastwagen mitten in Europa.

Politische Veränderungen wären der einzige Weg, um dem ein Ende zu bereiten. Höhere Zäune und dickere Mauern sind es nicht. Die Schleuser sind nicht das Problem. Das Problem sind Politiker, die die Augen verschließen vor der Verantwortung, die sie haben. Langfristig nachhaltige Schritte wären:

  • Einflussnahme auf Diktatoren wie Isayas Afewerki, Robert Mugabe oder Umar al-Baschir, um in den Herkunftsländern Veränderungen herbeizuführen, die eine Flucht zumindest nicht mehr so notwendig machen wie sie es heute für die Menschen noch ist.
  • Legale Fluchtwege für Menschen aus Eritrea, Syrien, dem Sudan und Simbabwe sowie weiteren Ländern, für deren Menschen der Asylantrag mit höchster Wahrscheinlichkein auch anerkannt wird.
  • Eine Zusammenarbeit der 28 Mitgliedstaaten der EU mit einer gerechteren Verteilung der Flüchtlinge auf alle Staaten.
  • Eine gerechte Prüfung von Asylanträgen auch aus dem Balkan: Belgiens Entscheidung, Albanien 2012 als sicheres Herkunftsland anzuerkennen und das 2014 wieder rückgängig zu machen, wird nicht von ungefähr gekommen sein.

Europa als Friedensnobelpreisträger sollte versuchen, seinem Titel gerecht zu werden und gemeinsam Politik machen – die 70 Jahre Frieden werden sonst bald vorbei sein und es würde sich erneut zeigen, was sich seit Menschengedenken immer wieder bewahrheitet: Wir sind nicht in der Lage, aus der Geschichte zu lernen.

Eine Einteilung in „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge ist dabei wenig hilfreich. Vielleicht ist es tatsächlich nicht möglich, alle Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Die Polemik jedoch ist menschenverachtend. Denn was ist verwerflich an dem Wunsch der Menschen, sich auf den Weg zu einer Perspektive für sich und ihre Familie zu machen? Und seit wann steht es uns zu, Menschen dafür zu verurteilen, dass sie sich ein besseres Leben wünschen?

Wir haben – und zwar unverdient und ohne unser Zutun – das Glück, dieses bessere Leben zu haben, auch wenn wir dennoch Sorgen haben nicht alle in Saus und Braus leben. Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit, ein Existenzminimum, Hygienestandards und Gesundheitsversorgung haben wir hier alle. Noch dazu können wir einkaufen gehen, ohne Angst haben zu müssen, erschossen zu werden. Frauen werden in den wenigsten Fällen zwangsverheiratet und Minderheiten nicht diskriminiert.

Dass andere uns als Paradies wahrnehmen, sollte uns vor Augen führen, was Deutschland ist: ein Paradies. Das bleibt es aber nur, wenn wir nicht versuchen, es mit Stacheldraht abzusichern und dadurch Verbrecherbanden Tür und Tor öffnen, die auf illegalen Wegen den Stacheldraht umgehen und dabei Millionen verdienen.

Identität und Identifikation

Vor einigen Wochen war ich auf einer Party – nach einiger Zeit kam dabei die Sprache auf Haltungen und Erwartungen im Bezug auf eine Arbeitsstelle. Die Gastgeberin, 1980 geboren, brachte die Sprache dabei auf „Generation Y“ und unterstrich eines ihrer Argumente damit, dass wir von der Generation Y ja zunehmend mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legen würden.

Sofort brach eine intensive Diskussion darüber los, bei der es weniger um Work-Life-Balance als vor allem darum ging, wer „Generation Y“ überhaupt sei und ob wir dazu gehören. Ich selbst, Ende der 1970er-Jahren geboren, fühlte mich weder altersmäßig noch inhaltlich dabei angesprochen – auch offiziell wird bei dieser Generation von den nach 1990 Geborenen gesprochen.

Interessant dabei fand ich aber, dass jeder im Raum sich eindeutig positionieren konnte, indem er sich entweder zugehörig fühlte (die Gastgeberin) oder definitiv nicht (fast alle anderen). Aber nicht nur das war interessant: Interessant war auch, wie daran deutlich wurde, wie sehr man sich (und dazu gehören wir letztlich alle) nach Identifikationsmerkmalen sehnt und diese sucht, für sich in Anspruch nehmen zu können. Auch dann, wenn klare Rahmenbedingungen (in dem Fall das Geburtsjahr) eigentlich eine Zugehörigkeit ausschließen würden. Das heißt, Identität ist etwas sehr subjektives – aber auch individuelles, wenngleich wir offensichtlich unseresgleichen suchen.

Identität heisst zunächst einmal, eine Vorstellung von sich selbst zu haben. Diese Vorstellung kann aber nicht nur behauptet oder erzählt werden, sondern sie will auch erprobt und akzeptiert sein, sie steht also in sozialen Bezügen. Wir haben keine Identität, sondern wir arbeiten an unserer Identität. Ein Element (es gibt noch zahlreiche andere) dieser lebenslangen Arbeit ist der Entwurf einer Lebensgeschichte. (Ulrike Jureit, Hamburger Institut für Sozialforschung)

Die Vorstellung von sich selbst, die Ulrike Jureit hier nennt, entsteht schon sehr früh – letztlich in dem Moment, in dem man sich als eigenes Wesen erfährt, also in dem Moment, in dem man „ich“ sagen und das vom „du“ unterscheiden kann. Wir erfahren uns als eigenständig, indem wir uns unterscheiden und in dieser Unterscheidung einen Wert festmachen – denn je mehr wir uns unterscheiden, desto weniger austauschbar sind wir.

Im Laufe der Jahre aber entwickelt sich unsere Identität erst, auch wenn bestimmte Charakter-Eigenschaften schon von Beginn an festgelegt sind. Frau Jureit spricht von „Arbeit an unserer Identität“. Es geht dabei vor allem darum, dass die Arbeit an der Erinnerung seiner Lebensgeschichte die Arbeit an der Identität ist. Gleichwohl findet sich hier ein anderer Aspekt, der in eine andere Richtung geht und der schwierig werden kann: Wenn wir an unserer Identität arbeiten, dann kann das auch heißen, dass wir im Sinne der Selbstoptimierung an einem Bild von uns arbeiten wollen, mit dem wir uns identifizieren können – das wir sozusagen als Repräsentant unserer selbst auftreten lassen. Und das möglichst alles mit dicker Ölfarbe vertuscht, was uns wenig repräsentativ erscheint.

Identität ist aber mehr als das, was wir an Stärken erarbeitet haben – oder welche Schwächen wir geschafft haben, vor anderen zu verbergen. Eine Vorstellung von sich selbst zu haben – dazu gehören die Schwächen genauso wie die Stärken. Dieses Gesamtpaket anzuerkennen, wäre dann eigentlich erst eine Vorstellung von sich selbst zu haben. Verstecken muss man die Schwächen dann nicht mehr, denn sie sind Teil der Identität, genauso wie unsere Gene, jeder Erfolg, den man im Leben hatte, jede Enttäuschung, jede Begeisterung und jede einzelne Träne. Sie alle formen unsere Identität – sowohl als aktiver als auch als passiver Vorgang.

Formen könnte also heißen, jeden Moment als bedeutsam zu erkennen, sich zu erinnern, indem man Erinnerungen teilt und sie dadurch aufrecht erhält – und seine Gedanken und Taten zu reflektieren, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was einem wirklich wichtig ist.

Satire

Was darf Satire – und wie dürfen Reaktionen auf sie ausfallen?

Die erste Frage muss differenziert, die zweite kann relativ leicht beantwortet werden. Denn auf Satire SOLL reagiert werden, neue Diskurse SOLLEN eröffnet werden. Es darf gestritten werden, ja sogar bis vor Gericht. Getötet werden hingegen darf nicht.

Doch was darf Satire? Satire möchte – bereits bei Horaz und Lucilius und ihren Kollegen – laut etymologischem Wörterbuch „menschliche Unzulänglichkeiten dem verständnisvollen Schmunzeln des Lesers preisgeben“, aber auch „Kritik an den verwerflichen Auswüchsen menschlicher Gesinnung“ ausüben. Sie möchte menschliche Fehler verspotten und gesellschaftliche Missstände kritisieren.

Satire, die unsinnige Aussagen von CSU-Politikern zur Asylpolitik aufgreift und durch Ironie und Übertreibung erst recht ins Lächerliche zieht, tut genau das: Sie nimmt die menschlichen Unzulänglichkeiten einer zu einseitig genutzten Denkrichtung auf und übt damit Kritik an den verwerflichen Auswüchsen einer auf Wählerstimmen am rechten Rand fischenden menschlichen Gesinnung.

Satire, die auf das dogmatische Festhalten an veralteten und verkrusteten Vorschriften der Kirche – wie beispielsweise dem Ausschluss wiederverheirateter Geschiedener von der Kommunion, dem Zölibat oder auch der Empfängnis-Verhütung angesichts der massiven Verbreitung von Krankheiten – abzielt, tut ebenfalls genau das: Sie übt Kritik daran, alte Vorschriften unreflektiert zu übernehmen und die Anerkennung des gesellschaftlichen Wandels aus kirchenpolitischen Entscheidungen herauszuhalten.

Auch Satire, die die fundamentalistische und fanatische wortwörtliche Auslegung von Bibel, Koran oder Thora aufgreift und damit kreationistische, islamistische oder ultraorthodoxe Weltbilder in Frage stellt, bleibt der Definition von Satire treu.

Wenn jedoch Satire zentrale Elemente des jeweiligen Glaubens karikiert, wie beispielsweise die Kreuzigung Jesu oder Mohammeds Offenbarung des Wortes Gottes durch den Koran; oder Gott und seine Propheten selbst (wie beispielsweise in der Darstellung Mohammeds mit einem Turban, der eine Bombe ist), dann wird es schwierig. Wenn also nicht mehr menschliche Gesinnungen und Glaubensverwirrungen kritisiert werden, sondern der Glaube selbst in seinem Innersten lächerlich gemacht wird, dann überschreitet Satire eine Grenze. Denn jeder Mensch ist frei, zu glauben, an was er will – und diese Freiheit ist ein elementares Menschenrecht.

Vor der Veröffentlichung einer Karikatur, Satire oder einem sonstwie ironischem Text sollte also genau reflektiert und kritisch überprüft werden, ob sie sich noch innerhalb dieser Grenze bewegt. Dies hat zwei grundlegende Vorteile: Zum einen wird kein Mensch in seinen Menschenrechten verletzt. Zum anderen kann Satire innerhalb der Grenzen mehr ausrichten: Sie kann bissig und ironisch viel tiefer bohren, weil sie den Betrachter oder Leser nicht sofort die Schranken dicht machen lässt, sondern viel mehr zum Nachdenken anregt und Überholtes zum Wanken bringt.

Unsicherheit

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“
Joachim Ringelnatz

Interessant am Wort „Unsicherheit“ ist, dass es voraussetzt, dass es Sicherheit gäbe. Wahr ist, dass man sich sicher fühlen kann. Und auch das Gegenteil ist möglich – wie wir es momentan in vielen Städten und bei vielen Menschen beobachten können. Allerdings ist es irrenführend, wenn wir meinen, jemand anderer (der Staat, eine andere Asylpolitik, eine spezielle Partei etc.) könne für nachhaltige Sicherheit sorgen – vielmehr ist man selbst dafür verantwortlich, wie man mit Unsicherheit und im Speziellen mit seiner eigenen ungewissen Zukunft am Besten umzugehen lernt.

Wir geben uns einer Fehlmeinung hin, wenn wir denken, dass sicher ist, was messbar ist und unsicher macht, was (noch) nicht bemessen wurde. Und weil es davon so vieles gibt, wird verzweifelt versucht, mehr und mehr zu berechnen und damit eine Sicherheit vorzutäuschen, die es gar nicht gibt. Die Welt wird nicht sicherer – sie wird nur berechenbarer, und auch das nur vermeintlich, denn: Können wir uns sicher sein, dass der der Rechnung zugrundeliegende Algorithmus stimmt und alle noch so unwichtigen Faktoren auch berücksichtigt wurden? Und wenn ja, für wie lange gilt diese Sicherheit? Wann läuft die Frist ab, an der neue Faktoren zu einer neuen Berechnung hätten führen müssen?

Vor lauter Daten, die wir sammeln, bereitstellen und wieder neu zusammenfügen vergessen wir, zu leben. Und vor lauter Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte, dass wir einen Faktor für die Berechnung der Prognose vergessen haben könnten und unsere Zukunft sich anders entwickeln könnte als geplant, übersehen wir die Realitäten und nehmen das HEUTE gar nicht mehr wahr. Die Realität ist, dass wir in einem freien Land leben, dass wir Perspektiven haben, dass wir verschiedenste Kulturen kennenlernen können, dass wir Lese- und Bewegungsfreiheit haben und dass wir frei entscheiden können, wie wir leben möchten – und dass wir nicht sicher wissen, was morgen sein wird.

Vor lauter Daten, die wir sammeln, bereitstellen und wieder neu zusammenfügen vergessen wir den wichtigsten Faktor für unsere Berechnungen: Wir sind Menschen – und Menschen können aufgrund des Schlagens eines Schmetterlingsflügels plötzlich anders reagieren als vorgesehen – und damit jeden einzelnen Aspekt unserer Planung umwerfen.

Unsicherheit kann gefährlich sein. Sie kann aber auch überraschend sein und völlig neue Türen öffnen – und den bisherigen Horizont zum Kippen bringen.

Gute Vorsätze

Wenn man bei Google nach guten Vorsätzen sucht, wird automatisch das neue Jahr dazu vorgeschlagen. Und wenn man dann einem der vielen Links folgt, stößt man auf verschiedene Listen, die auf der Grundlage von Umfragen basieren und inhaltlich kaum voneinander zu unterscheiden sind. Eine davon bezieht auch den Unterschied zum Vorjahr mit ein:

Top Ten der Neujahrsvorsätze im Überblick:

  • Top 1: Stress vermeiden oder abbauen (60 Prozent/im Vorjahr 57 Prozent)
  • Top 2: Mehr Zeit für Familie/Freunde (55 Prozent/im Vorjahr 54 Prozent)
  • Top 3: Mehr bewegen/Sport (55 Prozent/im Vorjahr 52 Prozent)
  • Top 4: Mehr Zeit für mich selbst (48 Prozent/im Vorjahr 47 Prozent)
  • Top 5: Gesünder ernähren (48 Prozent/im Vorjahr 47 Prozent)
  • Top 6: Abnehmen (34 Prozent/im Vorjahr 31 Prozent)
  • Top 7: Sparsamer sein (28 Prozent/26 Prozent)
  • Top 8: Weniger fernsehen (15 Prozent/16 Prozent Prozent)
  • Top 9: Weniger Handy, Computer, Internet (15 Prozent)
  • Top 10: Weniger Alkohol trinken (zwölf Prozent)

Auch in den Fitneßstudios geht es zu Jahresbeginn zu wie beim Sonderschlussverkauf und die Verkaufszahlen für Sachbuch-Literatur zum Thema gesunde Ernährung und Diäten steigen massiv an.

Beruhigend ist – das kann man aus den wiederkehrenden Listen deutlich herauslesen – dass es allen Menschen gleich geht: Nachdem ein paar Tage oder sogar Wochen vergangen sind, kehren wir zu unserem „normalen“ Leben zurück, sind gestresst, fallen nach der Arbeit aufs Sofa, haben dazu eine Pizza und einen guten Wein in der Hand und die Einkaufszettel für neue Klamotten, Filme, Technik oder ähnliches bereits bei Eintritt in die Wohnung schnell entsorgt.

Warum aber klappt es nicht? Nur, damit wir beim Schreiben der Liste fürs nächste Jahr Papier sparen und diejenige vom Vorjahr wieder nutzen können? Dass wir die guten Vorsätze oft an das neue Jahr knüpfen zeigt, dass wir für solche Vorhaben gerne eine Art Ritual haben – etwas, das unseren guten Willen mit kosmischen Strömungen untermauert und uns so beim Durchhalten hilft. Die kosmischen Strömungen halten aber nicht durch – und daran zeigt sich auch das Problem: der Zeitpunkt hängt von uns ab und nicht von äußeren Einflüssen. Wir müssen etwas wirklich WOLLEN, dann halten wir es auch durch.

Vielleicht wäre das ein wirklich guter Vorsatz fürs neue Jahr: Herausfinden, was man WIRKLICH will und warum. Nicht eine Liste erstellen mit allgemein gültigen und vernünftigen Vorhaben – gesund ernähren, abnehmen, mehr Sport: das alles ist sinnvoll und richtig, aber es findet sich darin zu viel von „Man sollte nun wirklich mal weniger/mehr…“! Vielleicht könnte man diese Sache anders mal betrachten:

Was gefällt mir eigentlich an mir und womit komme ich wirklich gut zurecht? Wie kann ich diese Punkte stärken? Und gibt es etwas, was mich seit Jahren stört, was ich aber noch nie geschafft habe, wirklich zu ändern? Warum vor allem stört es mich und warum habe ich es noch nie geschafft zu ändern? Muss ich möglicherweise nur ein Detail etwas modifizieren, um einen ganzen Störfaktor zu verändern?

Ausgangspunkt beim Thema „Abnehmen“ beispielsweise ist oftmals, dass man nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht und auch nicht all die wunderbaren Kleider tragen kann, die auf Oscarverleihungen oder in Modemagazinen zu sehen sind. Und so sehr man sich abmüht, die Model-Karriere bleibt höchst unwahrscheinlich – vielmehr findet sich auf jeder Jahres-Liste der Punkt „Abnehmen“ erneut und man ist trotz der guten Vorsätze der vergangenen Jahre noch kein Gramm weiter gekommen. Ein Detail am Störfaktor Gewicht könnte also sein, dass man ein völlig falsches Bild hat davon, was man zu erreichen sucht. Menschen sind verschieden und so gibt es auch verschiedenste Kleider, die in verschiedensten Größen schön aussehen. Abnehmen ist möglicherweise trotzdem sinnvoll, um seine Kniegelenke zu schonen und um besser einen Berg heraufzukommen und sofort die schöne Aussicht genießen zu können und nicht erst nach einer Verschnaufphase von mehreren Minuten. Abnehmen ist also nicht etwas, mit dem man sich quält und kasteit, sondern etwas, mit dem man sich etwas Gutes tut. Das Ziel ist also nicht „Dünn sein“, sondern sich mit seinem Körper wohl zu fühlen und Körper und Geist in Einklang zu bringen. Ein Stück Schokolade ist dann auch keine „Sünde“ mehr, sondern kann durchaus dazu beitragen, sich mit seinem Körper wohl zu fühlen – vorausgesetzt, man genießt es dementsprechend.

Die grundsätzliche Frage, die man sich also stellen sollte ist: Was brauche ich im Moment tatsächlich, um mich mit meinem Körper wohlzufühlen. Dies trifft zu beim Thema abnehmen, Sport und Gesundheit. Es trifft aber auch zu bei allen anderen Themen der Gesellschaft: Ich fühle mich unwohl bei Streit und Zwist: Was brauche ich, um mich und die anderen Beteiligten zu beruhigen? Ich fühle mich auch unwohl, wenn Dinge gesagt oder getan werden, denen ich nicht zustimme: Was also brauche ich, um dafür einzustehen, was ich empfinde und denke?

Es ist eigentlich ganz einfach – und: ich kann es langsam und Schritt für Schritt umsetzen und komme damit mir selbst immer näher!

Frohes neues Jahr!

Langeweile

„Langeweile! Du bist die Mutter der Musen!“ sagt einerseits Johann Wolfgang von Goethe.
„Die Langeweile ist eine der furchtbarsten Plagen unserer Zeit.“ sagt hingegen Erich Fromm.

Es ließen sich unzählige weitere Zitate hinzufügen, die gegensätzlicher nicht sein könnten – und dennoch alle ihre Richtigkeit haben. Langeweile kann Ursache für psychische Krankheiten sein wie für kreative Ideen der Motor. Langeweile kann zudem äußerst wichtig sein, denn durch sie bekommt das Gehirn Entspannung und kann zwischendurch abschalten. Langeweile kann aber auch zehren, wenn sie zu lange andauert. In diesem Fall ist sie nicht mehr Motor für kreative Ideen, sondern Totschläger – und damit Dämpfer jeglicher Geistesblitze.

Langeweile kann einen überall ereilen, im Urlaub genauso wie in der Schule und im Beruf. Vielen kommt also die Situation vielleicht bekannt vor: Man sitzt in der Arbeit, ist zutiefst unterfordert und dadurch nahezu gelähmt, sich selbst eine sinnvolle Tätigkeit zu suchen, alles andere hat man bereits erledigt: Zeitungslektüre, Kreuzworträtsel, Horoskope gelesen, Psycho- und Bildungstests gemacht, online geshoppt und nicht zuletzt die Stellenangebote durchforstet. Der eine oder andere, der überarbeitet ist, mag nun denken: „Wie beneidenswert – wie gern würde auch ich mich mal in der Arbeit langweilen und nicht Woche für Woche Überstunden machen und mit meiner Arbeit nicht fertig werden!“ Die Wahrheit ist: Keine der beiden Situationen ist beneidenswert. Vielmehr ist grundsätzlich das richtige Maß ausschlaggebend. Die Frage ist also, welches Maß an Langeweile hilfreich und nützlich ist und ab wann sie schadet. Und vor allem: Wie können wir selbst in die Lage kommen, das Maß unserer Langeweile selbst zu bestimmen?

Ein erster Schritt könnte sein, die Langeweile als Chance zu begreifen: Als Chance, herauszufinden, welche Bedürfnisse bestehen und warum diese gerade nicht befriedigt werden. Als Chance, herauszufinden, welche Ressourcen man selbst hat, an seiner Situation etwas zu ändern. Zudem als Chance, Neugier zu wecken an Themen, die man bisher außer Acht gelassen hat. Und nicht zuletzt als Chance, sich nicht als Opfer der Langeweile verursachenden Situation zu sehen, sondern sie als Antrieb zu verstehen, die unbefriedigende Ausgangssituation zu ändern beziehungsweise – wenn sich diese nicht ändern lässt – die Perspektive im Blick auf die Situation zu ändern.

Immer wird das nicht gelingen – aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, Langeweile als das zu begreifen, was sie ist: Eine Zeitspanne des Leerlaufes und der fehlenden Anforderung. Nietzsche bezeichnete die Langeweile als »eine unangenehme Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.«

Vielleicht ist Langeweile also die Zeit, die man hat, um seine Tasche zu packen – um vorbereitet zu sein, wenn die Reise losgeht.

Freiheit

Der neue Tatort, der am 14. September ausgestrahlt wurde, handelte von einem jungen arabischen Prinzen, der in München unter dem Schutz eines Diplomatenstatus lebt, hinter welchem verschiedene illegale Geschäfte laufen, von denen er selbst allerdings wenig weiss.

Herausragend ist ein Satz, den er gegen Ende des Krimis spricht: „Ich kann mit 180 durch München fahren, ich kann so viel Koks schnupfen, wie ich will, ich kann in Diskotheken herumballern – ich kann machen, was ich will. Nur eines kann ich gewiss nicht: frei sein!“

Dieser Satz ist höchst interessant – denn ist nicht Freiheit, dem gängigen Verständnis nach, genau das: Machen zu können, was man will?

Über den Begriff wurde in der Geschichte der Menschheit sicherlich ähnlich viel diskutiert, erörtert und geschrieben wie über Begriffe wie Liebe oder Glück. Was meines Erachtens alle drei Begriffe gemein haben ist, dass sie verbunden sind mit einem gewissen Risiko. Weder Glück noch Liebe und schon gar nicht Freiheit kann ein Mensch erlangen, ohne dass er Risiken eingeht. Vielleicht ist das, was diese Begriffe bedeuten, aus diesem Grunde auch so kostbar – gerade weil es nicht einfach tagtäglich als Selbstverständlichkeit auf der Tagesordnung steht.

Die Risiken, die im Zusammenhang mit dem Thema Freiheit eingegangen werden müssen, sind sehr vielfältig und – auch wenn Freiheit spätestens seit 1948 nahezu weltweit mit Ratifizierung der UN-Charta als Menschenrecht gilt – teilweise lebensgefährlich. Für uns in Europa ist Freiheit etwas selbstverständliches – zumindest sofern sie gesetzlich geregelt ist. Allerdings – und das erfahren wir besonders, seit Edward Snowden im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit ging – sind bestimmte freiheitliche Rechte, die im Grundgesetz niedergeschrieben sind, auch hier in Gefahr. Den anderen, sehr persönlichen Bereich unserer Freiheit haben wir selbst in der Hand:

  • Fühlen wir uns frei genug, um mit reinem Gewissen und unserer tatsächlichen inneren Einstellung tagtäglich auch beruflich handeln zu können oder fühlen wir uns genötigt, aus Loyalität unserem Arbeitgeber oder anderen Menschen gegenüber Standpunkte zu vertreten, hinter denen wir nicht stehen?
  • Entscheiden wir uns in anstehenden Lebensfragen in Freiheit für das, was wir dann tun oder stehen hinter den Entscheidungen tief empfundene Normen und Konventionen, denen wir uns meinen beugen zu müssen?
  • Schaffen wir es, uns von Verletzungen in unserer Vergangenheit zu befreien, so dass wir in der Lage sind, Situationen unvoreingenommen und vorurteilsfrei zu bedenken?
  • Fühlen wir uns verpflichtet, in gewisser Weise anderen Menschen gegenüber zu handeln, weil sie uns möglicherweise einen Gefallen getan haben oder handeln wir tatsächlich aus freiem Willen und ohne Erwartung einer Gegenleistung?
  • Haben wir aus Opportunismus in früherer Zeit Entscheidungen gefällt und befinden uns nun in einer Situtation, in der wir uns gefangen fühlen?

Die Beantwortung dieser oder ähnlicher Fragen ist nicht immer einfach und es wird immer Situationen geben, in denen wir bewusst eine bestimmte Entscheidung fällen, wenngleich wir wissen, dass wir damit eine Verpflichtung eingehen, die wir möglicherweise einmal in Frage stellen werden.

Die Alternative kann jedoch auf keinen Fall sein, keine Entscheidung mehr zu fällen, denn damit erlangen wir das Gegenteil von Freiheit: Wir sind zutiefst abhängig von den Entscheidungen der anderen in unserer Umgebung. Vielmehr ist es ein wichtiger Aspekt von Freiheit, Entscheidungen überhaupt fällen zu können. Es gehört jedoch unerlässlich dazu, sich die oben genannten und auch weitere Fragen zu stellen, bevor man eine Entscheidung fällt. Das Risiko ist dann, dass die Entscheidung die Falsche war. Aber mag dieses auch noch so groß sein: Es ist für den Erhalt der Menschheit und des menschlichen Wesens von größter Bedeutung, dieses Risiko immer wieder einzugehen. Denn ist es nicht genau das, was den Menschen ausmacht: Die Möglichkeit zu haben zu wählen zwischen zwei oder mehreren Optionen und sich dann für eine entscheiden zu können?

Ein Tier hat diese Möglichkeit nicht – es muss unmittelbar aufgrund seines Überlebens- oder Fortpflanzungstriebes reagieren. Der Mensch hat diese Triebe auch – aber er hat zudem die Wahl, auch gegen seinen Trieb zu reagieren und aufgrund von anderen Motiven zu handeln.

Bildung

In Gesellschaft und Medien sorgt das Thema Bildung in regelmäßigen Abständen für Diskussionsstoff. Beteiligt sind in diesen Diskussionen nahezu alle Teile der Gesellschaft – Kirche, Politik, Bildungsinstitutionen sowie Wissenschaft und Forschung. Immer wieder wird gestritten, welche Bedeutung Bildung hat, wie hoch die Bildungsausgaben sind und sein sollten, einmal wird Bildung zur Chefsache ernannt, dann jedoch verschwinden notwendige Reformen wieder in den Schubladen.

Ursprünglich entstammt Bildung dem althochdeutschen Wort biliden: einer Sache Gestalt und Wesen geben. Der Begriff impliziert also künstlerisch Schöpferisches genauso wie die göttliche Schöpfung – und hat damit auch immer eine wert-gebende Bedeutung. In den Bereich der Pädagogik fand das Wort erst im 18. Jahrhundert Einzug. Im etymologischen Wörterbuch des Dudenverlages findet sich dazu jedoch auch die Bemerkung, der Begriff verflache aber vielfach zur Bezeichnung bloßen Formalwissens.

Und hier liegt auch die Krux: Solange wir über Bildung als den Bereich der Vermittlung von Formalwissen diskutieren, wird die Bedeutung von Bildung für die Menschheit – und damit das Wesen des Menschen – für Politik und Gesellschaft nicht klar sein. Die Wichtigkeit des Themas und die damit verbundene Notwendigkeit der Erhöhung der Bildungsausgaben kann gar nicht erkannt werden.

Die inhaltliche Aushöhlung des Wortes Bildung in einen direkten Zusammenhang mit der großen Problematik der momentanen Krisen zu stellen, ist sicherlich eine gewagte These. Es finden sich gewiss genug Gegenargumente – dennoch möchte ich die These stellen, zeigt doch die Geschichte, dass Bildung im Sinne von Wissen allein keine Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft und Wohlstand ist – im Gegenteil: die von Francis Bacon geprägte Aussage „Wissen ist Macht“ hat letztlich oftmals einen negativen Beigeschmack. Der Irrtum liegt in der falschen Verwendung dieser Aussage. Bacon meinte nicht, dass die Anhäufung von „Wer-wird-Millionär“-Wissen, also dem reinen theoretischen Wissen, Grundlage von Macht wäre. Vielmehr ging es ihm um die wissenschaftliche Denkweise der Scholastik, also dem Überprüfen und der Klärung von bestimmten Fragestellungen anhand von genauen theoretischen Erwägungen. Behauptungen sollen hier genau untersucht werden, Gegenargumente geprüft und erst dann wird über die Richtigkeit einer Theorie entschieden.

Es geht hier nun nicht um die Scholastik als solche – vielmehr soll anhand der Nennung dieser Methode auf den Bildungsbegriff rückgeschlossen werden, der eben nicht mit Wissen allein gleichgesetzt werden kann, sondern mehr ist als das: nämlich eine wirkliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Wissensbereichen und Themen. Dazu gehört eine grundlegende Kenntnis über die Entstehung der einzelnen Theorien, das Wissen um die gesellschaftliche Ordnung zu der Zeit, in der sie entstanden sind und – vor allem – das Wissen darüber, welche Probleme die Menschheit in ihrer Geschichte zu bewältigen hatte, welche Fehler sie dabei gemacht hat, auf welche Irre-Führer sie hereingefallen ist und welche Entscheidungen auf der anderen Seite Frieden und Wohlstand mit sich brachten. Dazu gehört auch das Wissen über bestimmte psychologische Mechanismen im Denken, Fühlen und Handeln des Menschen und das Erlernen, sich in Reaktionen des jeweiligen Gegenübers ein Stück weit hineinfühlen zu können. Nicht ich bin der Nabel der Welt und somit die Reaktionen der anderen fehlerhaft, sondern die Handlungsweisen meiner Mitmenschen haben ihre Ursachen und können erst nach genauer Prüfung auch meiner eigenen Handlungen als falsch oder richtig gewertet werden. Zudem besteht die Möglichkeit, dass ein abschließendes Urteil über falsch und richtig gar nicht gefällt werden kann, weil die Komplexizität des Problems zu umfassend ist.

Wenn wir also von Bildung in ihrem eigentlichen Sinne sprechen, dann fließen all diese Bereiche der Psychologie, der Geschichte, der Natur- und Geisteswissenschaften und der menschlichen Emotionalität mit hinein. Um diese zu vermitteln reicht es nicht, Erziehern, Kinderpflegern, Sozialpädagogen und Lehrern Fachwissen und Didaktik zu vermitteln, vielmehr gehören Kenntnisse über neuropsychologische Forschungen im Frühkindlichen Bereich, die Herausbildung der Möglichkeit, auf ein Gegenüber einzugehen und tatsächliche Sozialkompetenz dazu. Das Fachwissen darf nicht nur in der Fähigkeit der Beantwortung von Fragen zu entsprechenden Themen liegen, vielmehr muss die Auseinandersetzung mit den Themen gefördert werden, Kritik an bestehenden Behauptungen gefördert und die eigenen Empfindungen bei bestimmten Theorien diskutiert werden. Kindern zu vermitteln, dass die Welt nicht aus festgefügten Gegebenheiten besteht, sondern dass sie veränderbar und ein Mitdenken immerzu erforderlich ist, würde in der Folge zu einer tatsächlichen Bildung von mündigen Staatsbürgern führen. Dies allein ist dann zwar noch immer keine Garantie für eine Gesellschaft, die im Frieden miteinander lebt. Aber eine Basis dafür ist dadurch auf jeden Fall geschaffen.

Bildungsausgaben müssen also genau dorthin fließen: In die Ausbildung der Pädagogen, in die Attraktivität der pädagogischen Berufe und in die äußeren Umstände, unter denen die Kinder aufwachsen: Raum für ihre Entwicklung, Personen, die auf ihre Fragen eingehen können und die Zeit und Möglichkeit, durch das Infragestellen von Wissensinhalten Wissen zu erwerben.

Erst dann kann man von Bildung sprechen, die dem zwischenmenschlichen Miteinander eines Zoon politicon auch wirklich entspricht.

Selbstoptimierung

Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.

Mit dieser Aussage stellt sich Michel Foucault in eine absolute Opposition zu einem zunehmenden Streben der Selbstoptimierung. Selbstoptimierung meint, man könne ALLES erreichen. Und zwar mit reinem Willen und Disziplin. Und wenn man dort nicht hinkommt, wo man hin will: Ganz oben auf die oberste Sprosse der Karriereleiter, schlank und mit gestähltem Körper, faltenfrei und fit, gesund, mit dickem Geldbeutel und der Mastercard ohne Limit – dann hat man sich nicht genug angestrengt und war nicht diszipliniert genug. Dann hat man es nicht geschafft, sein eigentliches „Ich“ zu entdecken und wird in seinem mickrigen Selbst verhaftet bleiben.

Dieses mickrige Selbst jedoch ist das, was wir uns weigern anzuerkennen, denn es ist (mehr oder weniger) schwach und seine zeitlichen sowie geistigen Ressourcen sind begrenzt. Dieses mickrige Selbst weist Makel auf: körperliche mit steigendem Alter zunehmend, geistige möglicherweise auch. Und dieses mickrige Selbst ist irgendwann wahrscheinlich gezwungen, seine Selbst-Autonomie aufzugeben und sich in die Angewiesenheit auf andere Menschen in seiner Umgebung zu begeben. Dieses mickrige Selbst ist schlicht: menschlich!

Selbstoptimierung hingegen möchte all das verneinen. Sie verspricht, dass wir – wenn wir genug Willen dazu an den Tag legen – all diese Hindernisse überwinden können und nahezu ewig jung, einflussreich und schön bleiben werden. Hilfe auf diesem steinigen Weg bieten die verschiedensten Apps und Geräte: Schritt- und Kalorienzähler, Blutdruck- und Pulsüberwacher, Animateure zu produktiverer und effizienterer Arbeit. Dazu gibt es die Möglichkeit, auch seine Ziele in der Freizeit überwachen zu lassen: Wurde die geplante Menge an Büchern gelesen, die Vokabeln der neuen Fremdsprache gelernt, das romantische Abendessen mit dem Freund durchgeführt und der Berg am Wochenende bestiegen? Sogar seinen Schlaf kann man überwachen lassen und am Morgen das Diagramm zu den REM-Phasen einsehen und daran feststellen, wie effizient der Schlaf war.

Natürlich – Bilanzen geben Sicherheit. Messbare Zahlen vermitteln ein messbares Selbst und damit eine messbare Realität, die sich sonst nur subjektiv erfassen lässt.
Gefährlich dabei ist, dass wir den Wert des Lebens selbst meinen messen zu können: dieser sinkt dann freilich aus der Sicht der Selbstoptimierer exponentiell zur Zunahme der Bewegungsunfähigkeit, steigender Krankheitsanfälligkeit und abnehmender Fitneß. Auch vergessen wir dabei, dass nicht alles anhand von noch so ausgeklügelten Algorithmen zu berechnen ist: Hatten wir möglicherweise nur zwei statt drei REM-Phasen, dafür aber einen schönen Traum? Haben wir einen scheinbar unproduktiven Tag verbracht, an dem wir die Wohnungstür nicht mal einen Spalt breit aufgemacht haben, dabei jedoch haben wir wunderbar nachgedacht, tolle Serien gesehen und eine Super-Pizza gegessen? Haben wir den Ausdauersport ausgelassen, statt dessen fünf Cocktails getrunken, hatten dabei einen wirklich unvergesslichen Abend mit unseren Freunden und sind – 1kg schwerer und völlig betrunken – aber wahnsinnig glücklich ins Bett gefallen?

Selbstoptimierung verspricht eine grenzenlose Freiheit: Die Freiheit, alles erreichen zu können, ewig zu leben und dabei fit und gesund zu bleiben. Der Preis dafür ist, sein Leben permanent zu bilanzieren und zu zertifizieren. Man befreit sich damit ein Stück weit von der Last, ununterbrochen Entscheidungen zu fällen – diese Aufgabe übernehmen von nun an die Apps und Geräte für einen. Man befreit sich vielleicht auch ein Stück weit davon, darauf zu hoffen, dass das Schicksal es gut mit einem meinen möge, denn auf das Schicksal ist man nicht mehr angewiesen, man nimmt es ja – vermeintlich – selbst in die Hand – wehe, es schlägt einem dann jedoch ein Schnippchen.

Doch ist nicht vielleicht das sogar die eigentliche Freiheit: Nicht alles permanent in der Hand haben zu müssen? Sich helfen lassen zu können? Die eigene Begrenztheit anerkennen zu dürfen und damit auch den eigentlichen Wert des Lebens – gerade durch seine Endlichkeit – erfassen zu können? Und ist es nicht unsagbar befreiend, sich nicht ständig dem Druck beugen zu müssen, einem Selbstbild zu entsprechen, welches man trotz unsäglicher Mühen letztlich niemals erreichen wird? Kurz: Frei davon zu sein, unablässig an sich arbeiten zu müssen und frei zu sein für ein Leben mit Höhen und Tiefen und – Überraschungen?

Wenn man dies erkannt hat, wird einem vielleicht noch eine weitere Freiheit klar: die Freiheit, einfach so sein zu dürfen, wie man ist!

Veränderung

„gib mir ein t-shirt – mit andreas baader drauf – und einen catwalk – für den tagtraumdauerlauf – komm hol auch du dir – preisgünstig revolution – mit ein zwei freibier – und che guevara kondom – wir sagen: vorsicht! ein trend geht um – du brauchst: veränderung“

Veränderung ist ein großes Wort. Und meist wird damit Großes assoziiert – vor allem aber impliziert dieser Begriff immer auch eine Besserung, die umfassend sein wird. Damit spielt auch die Mediengruppe Telekommander in ihrem Lied „Trend“. Es kommt hier der große Umsturz zur Sprache, die Revolution der Unterdrückten, allerdings in Form eines Kondoms – viel Neues ist also vom Konzept der Revolution nicht mehr zu erwarten. Und da das nichts hilft, so greift man darauf zurück, wenigstens ein wenig subversiv querzudenken, was sich letztlich aber wieder nur als Trend
erweist. Dieses bisschen Mainstream stellt sich jedoch als unzureichend heraus, denn im Grunde will man was anderes, nämlich eine wirkliche und wahrhaftige Veränderung. Doch wie sieht so etwas eigentlich aus? Und was ist das überhaupt?

Wir hatten in den letzten Jahren zahlreiche aufrüttelnde Erlebnisse, die umgehend nach Wandel und Veränderung schrien. Sich wiederholende Fleischskandale, zunehmend starke Stürme, Klimawandel, Weltwirtschaftskrise, Fukushima und vor allem Europa, das, noch in den Kinderschuhen steckend, sogleich durch eine schwächelnde Währung wieder arg ins Wanken geriet. Wir erwarten nun sehnsüchtig den Wandel, der mit mehr Sicherheit, Energie-, Familien- oder Bildungspolitik kommen soll und hoffentlich alles verändern wird. Wenn sich dann jedoch die anfängliche Verheißung nicht innerhalb kürzester Zeit erfüllt hat, drehen wir uns wieder um 180° und versuchen es mit einem neuen Konzept, das dem bisherigen Vorgehen diametral entgegen steht.

Doch können wir so wirklich auf einen Wandel hoffen? Erreichen wir so einen Paradigmenwechsel, der nachhaltige Veränderung mit sich bringt? Sicher, in der Retrospektive der Menschheitsgeschichte gab es immer wieder Katastrophen, Revolten, Kriege, die zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Umbau führten. Meist war es großes Leid, das damit einherging oder zu dem Wandel führte. Der Boden, auf dem die Menschheit steht, muss oft erst ins Wanken geraten, damit der Gedanke an eine Veränderung überhaupt ins Gesichtsfeld rücken kann. Als Reaktion auf das Geschehene möchte man alsdann am liebsten gleich die Richtung komplett ändern. Das Ergebnis dieses Handelns wird allerdings dann erst im Nachhinein reflektiert. Und zwar, weil der Plan nicht aufging und die logische Folgerung sich als falsch erwiesen hat, dass, wenn das Abbiegen nach links falsch war, man wohl doch nach rechts muss. Es ist dann wie in dem Märchen vom süßen Brei, in dem ein braves Mädchen mit seiner Mutter im Wald lebt und nichts zu essen hat. Als das arme Mädchen einer alten Frau begegnet, schenkt diese ihm ein besonderes Töpfchen, das die Verheißung in sich birgt, nie wieder hungern zu müssen. Denn sobald es heißt „Töpfchen koche“, kocht dieses einen feinen Hirsebrei und sobald es heißt: „Töpfchen steh“, hört es wieder auf zu kochen. Leider vergisst die Mutter die Halte-Parole und spricht das Zauberwort „Töpfchen koche“, als die Tochter ausgegangen war. Sie hatte ihren Wunsch, alles auf einmal zu haben und nie wieder hungern zu müssen, nicht zu Ende gedacht und bekam das Ergebnis in Form einer nicht mehr zu bewältigenden Menge an Brei präsentiert. Der Hunger des Menschen jedoch, immer höher und immer weiter zu kommen, ist mit einer schlichten Sättigungsbeilage allein nicht zu stillen – vielmehr  könnte vielleicht eine andere Art der Veränderung notwendig sein. Eine, die leise passiert und verschiedenartig eingeht auf die komplexe Individualität der Menschheit selbst.

Denn sonst bleiben wir letztlich in unserem Ausgangspunkt der zu ändernden Umstände verhaftet. Wir gehen im Grunde immer wieder und wieder auf Los, um es von neuem zu versuchen und denken dabei, dass wir, wenn wir diesmal die Schlossallee erwerben können, das Spiel gewonnen haben. So kommen wir jedoch nicht zu einem Perspektivenwechsel, der eine nachhaltige Veränderung möglich machen würde. Ein solcher ist möglich, wenn wir uns klar machen, an welchem Punkt wir eigentlich stehen, wie genau dieser Ausgangspunkt beschaffen ist. Dafür müssen wir einen Schritt zur Seite gehen. Uns umdrehen. Schauen. Und dann noch einmal den Blickwinkel ändern. Erst dann können wir erkennen, was überhaupt zu verändern ist.

Bei all unseren wirklich großen Problemen, mag nun der ein oder andere denken, brauchen wir auch die großen Lösungen, die unser Leben grundlegend verändern werden. Aber ist das wirklich so? Verschieben wir nicht nur immer die Problematik von A nach B und weiter nach C, bis wir schließlich bei Z angekommen sind und das Paket noch genauso groß ist? Es hat vielleicht eine etwas andere Gestalt angenommen, aber letztlich hat es sich nicht verändert. Und ist nicht genau das in den letzten Jahrhunderten seit Beginn der Moderne passiert? Haben wir nicht Riesen-Schritte gemacht, sind in der Postmoderne gelandet und sind nun völlig überfordert? Während Wilhelm II das Auto noch als vorübergehende Erscheinung bezeichnete und weiter aufs Pferd setzte, können wir mittlerweile unser Handy als Fernbedienung, Navigationsgerät und Scanner auf einmal nutzen – wobei dies wahrscheinlich schon wieder längst überholt ist. Die Pluralität der Möglichkeiten übersteigt unser Fassungsvermögen, vielmehr sind wir nun nahezu hauptamtlich damit beschäftigt, Bewältigungsstrategien für unsere alltägliche Lebensrealität zu finden. Vor lauter Hast haben wir den Quadratmeter Boden, auf dem unsere Füße tatsächlich stehen, aus den Augen verloren.

Die Welt können wir nicht ändern, keiner kann das. Aber ändern können wir unsere persönliche Lebenswirklichkeit. Wir können fragen: Was ist jetzt, genau jetzt? Und dann können wir anfangen, unseren Terminkalender zu leeren, damit wir überhaupt Zeit zum Reflektieren des Geschehens haben. Wir können versuchen, uns auf die Gegenwart und unser soziales Umfeld, auf jeden Einzelnen darin, wirklich einzulassen und können so andere Perspektiven an unser Herz kommen lassen. Wir können unsere Umgebung, die Natur, die Menschen, die Architektur und vieles andere wahrnehmen und erkennen, dass wir Teil dieses Gebildes sind, zwar nur ein kleiner Teil, aber ein Teil mit Verantwortung für dieses Gebilde. Wir können morgens aufwachen und dankbar sein, dass wir in Freiheit leben können und unsere Rechte in einem Grundgesetz gesichert sind, die ein Juwel unter den Verfassungen ist. Wir können achtsam sein, was in der Welt geschieht und uns bewusst machen, dass dieses unsere freie Leben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern wir vielmehr dafür einstehen müssen, dass sich, bei allem Wunsch nach Veränderung, dies niemals ändern wird. So legen wir den Grundstein für eine Veränderung, die langsam aber sicher signifikant sein wird.