Satire

Was darf Satire – und wie dürfen Reaktionen auf sie ausfallen?

Die erste Frage muss differenziert, die zweite kann relativ leicht beantwortet werden. Denn auf Satire SOLL reagiert werden, neue Diskurse SOLLEN eröffnet werden. Es darf gestritten werden, ja sogar bis vor Gericht. Getötet werden hingegen darf nicht.

Doch was darf Satire? Satire möchte – bereits bei Horaz und Lucilius und ihren Kollegen – laut etymologischem Wörterbuch „menschliche Unzulänglichkeiten dem verständnisvollen Schmunzeln des Lesers preisgeben“, aber auch „Kritik an den verwerflichen Auswüchsen menschlicher Gesinnung“ ausüben. Sie möchte menschliche Fehler verspotten und gesellschaftliche Missstände kritisieren.

Satire, die unsinnige Aussagen von CSU-Politikern zur Asylpolitik aufgreift und durch Ironie und Übertreibung erst recht ins Lächerliche zieht, tut genau das: Sie nimmt die menschlichen Unzulänglichkeiten einer zu einseitig genutzten Denkrichtung auf und übt damit Kritik an den verwerflichen Auswüchsen einer auf Wählerstimmen am rechten Rand fischenden menschlichen Gesinnung.

Satire, die auf das dogmatische Festhalten an veralteten und verkrusteten Vorschriften der Kirche – wie beispielsweise dem Ausschluss wiederverheirateter Geschiedener von der Kommunion, dem Zölibat oder auch der Empfängnis-Verhütung angesichts der massiven Verbreitung von Krankheiten – abzielt, tut ebenfalls genau das: Sie übt Kritik daran, alte Vorschriften unreflektiert zu übernehmen und die Anerkennung des gesellschaftlichen Wandels aus kirchenpolitischen Entscheidungen herauszuhalten.

Auch Satire, die die fundamentalistische und fanatische wortwörtliche Auslegung von Bibel, Koran oder Thora aufgreift und damit kreationistische, islamistische oder ultraorthodoxe Weltbilder in Frage stellt, bleibt der Definition von Satire treu.

Wenn jedoch Satire zentrale Elemente des jeweiligen Glaubens karikiert, wie beispielsweise die Kreuzigung Jesu oder Mohammeds Offenbarung des Wortes Gottes durch den Koran; oder Gott und seine Propheten selbst (wie beispielsweise in der Darstellung Mohammeds mit einem Turban, der eine Bombe ist), dann wird es schwierig. Wenn also nicht mehr menschliche Gesinnungen und Glaubensverwirrungen kritisiert werden, sondern der Glaube selbst in seinem Innersten lächerlich gemacht wird, dann überschreitet Satire eine Grenze. Denn jeder Mensch ist frei, zu glauben, an was er will – und diese Freiheit ist ein elementares Menschenrecht.

Vor der Veröffentlichung einer Karikatur, Satire oder einem sonstwie ironischem Text sollte also genau reflektiert und kritisch überprüft werden, ob sie sich noch innerhalb dieser Grenze bewegt. Dies hat zwei grundlegende Vorteile: Zum einen wird kein Mensch in seinen Menschenrechten verletzt. Zum anderen kann Satire innerhalb der Grenzen mehr ausrichten: Sie kann bissig und ironisch viel tiefer bohren, weil sie den Betrachter oder Leser nicht sofort die Schranken dicht machen lässt, sondern viel mehr zum Nachdenken anregt und Überholtes zum Wanken bringt.

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8 Gedanken zu “Satire

  1. Ich greife die folgende Passage auf….“Wenn jedoch Satire zentrale Elemente des jeweiligen Glaubens karikiert, wie beispielsweise die Kreuzigung Jesu oder Mohammeds Offenbarung des Wortes Gottes durch den Koran; oder Gott und seine Propheten selbst (wie beispielsweise in der Darstellung Mohammeds mit einem Turban, der eine Bombe ist), dann wird es schwierig. Wenn also nicht mehr menschliche Gesinnungen und Glaubensverwirrungen kritisiert werden, sondern der Glaube selbst in seinem Innersten lächerlich gemacht wird, dann überschreitet Satire eine Grenze. Denn jeder Mensch ist frei, zu glauben, an was er will – und diese Freiheit ist ein elementares Menschenrecht.“

    Um es kurz zu machen, hier stimme ich nicht zu und widerspreche. Alles menschliche und dazu gehört auch der Glaube ist Gesinnung bzw. die Interpretation eigener Wirklichkeiten. Den Glauben, so wie sie ihn darstellen, als etwas singuläres und von der individuellen Gesinnung unabhängiges, eigenständiges anzusehen, teile ich nicht. Wenn das stimmen würde, dann kann auch jede Ideologie für sich in Anspruch nehmen unantastbar zu sein. Die menschliche Würde ist unantastbar, aber nicht die imaginäre Würde z.B. einer Ideologie oder einer Glaubenslehre. Satire darf alles. Hier stimme ich Tucholsky zu. Satire ist immer das Ergebnis einer Reflexion, also selbst eine kritische Auseinandersetzung, mit der individuell erlebten Realität, niemand muss damit einverstanden sein und Satire ist nicht unfehlbar und es gibt schlechte und gute Satire, wie es aber komischer Weise, keinen schlechten, nur guten Glauben geben soll. Die freie Meinungsäußerung ist kein Qualitätsmerkmal für gute Meinung, sie kennt keine Wertigkeit. Und die Religionsfreiheit bedeutet nichts anderes, als dass keine Religion über eine andere herrscht und jeder Mensch die Freiheit hat, nach seiner Fasson glücklich zu werden. Die Freiheit gilt dem Menschen und nicht der Religion selbst. Wer beleidigt wird, darf den Rechtsweg einschreiten und klagen, dann darf ein Richter entscheiden. Selbstjustiz durch die Religion, das geht nun gar nicht. Im übrigen, ich fühle ich mich durch die Kreuzigungsdarstellung anhaltend in meinen Gefühlen verletzt. Dennoch komme ich nicht auf die Idee deshalb zu klagen, denn es ist ja letztendlich meine eigene Verletzlichkeit, mit der ich es hier zu tun habe und da muss ich mich selbst mit auseinandersetzen. Und wie Houellebecq sagt, eine Satire, ein Buch hat noch nie Menschen dazu gebracht seine Meinung oder seinen Glauben zu ändern. Ich glaube im übrigen auch nicht, dass die barmherzigen Propheten und Erlöser selbst damit Probleme haben?
    Ich reblogge den Beitrag, Danke für die Möglichkeit der Diskussion.

    • Es ist wirklich eine schwierige Frage und Gratwanderung. Die Kreuzigungsdarstellungen fände ich ja eben auch nicht Satirefähig. Ich finde Satirefähig, wenn die Frage der Rezeption und dabei einseitige Auswüchse karikiert werden. Aber ich denke schon, dass es Grenzen gibt, bis zu denen man sich über andere lustig machen darf – und die doch immer wieder überschritten werden. Es ist wirklich schwierig, diese Grenze zu ziehen – ich bin beispielsweise großer Titanic-Fan und ich finde, die Titanic schafft es in den meisten Fällen, innerhalb dieser Grenzen zu bleiben.

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