Freiheit

Der neue Tatort, der am 14. September ausgestrahlt wurde, handelte von einem jungen arabischen Prinzen, der in München unter dem Schutz eines Diplomatenstatus lebt, hinter welchem verschiedene illegale Geschäfte laufen, von denen er selbst allerdings wenig weiss.

Herausragend ist ein Satz, den er gegen Ende des Krimis spricht: „Ich kann mit 180 durch München fahren, ich kann so viel Koks schnupfen, wie ich will, ich kann in Diskotheken herumballern – ich kann machen, was ich will. Nur eines kann ich gewiss nicht: frei sein!“

Dieser Satz ist höchst interessant – denn ist nicht Freiheit, dem gängigen Verständnis nach, genau das: Machen zu können, was man will?

Über den Begriff wurde in der Geschichte der Menschheit sicherlich ähnlich viel diskutiert, erörtert und geschrieben wie über Begriffe wie Liebe oder Glück. Was meines Erachtens alle drei Begriffe gemein haben ist, dass sie verbunden sind mit einem gewissen Risiko. Weder Glück noch Liebe und schon gar nicht Freiheit kann ein Mensch erlangen, ohne dass er Risiken eingeht. Vielleicht ist das, was diese Begriffe bedeuten, aus diesem Grunde auch so kostbar – gerade weil es nicht einfach tagtäglich als Selbstverständlichkeit auf der Tagesordnung steht.

Die Risiken, die im Zusammenhang mit dem Thema Freiheit eingegangen werden müssen, sind sehr vielfältig und – auch wenn Freiheit spätestens seit 1948 nahezu weltweit mit Ratifizierung der UN-Charta als Menschenrecht gilt – teilweise lebensgefährlich. Für uns in Europa ist Freiheit etwas selbstverständliches – zumindest sofern sie gesetzlich geregelt ist. Allerdings – und das erfahren wir besonders, seit Edward Snowden im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit ging – sind bestimmte freiheitliche Rechte, die im Grundgesetz niedergeschrieben sind, auch hier in Gefahr. Den anderen, sehr persönlichen Bereich unserer Freiheit haben wir selbst in der Hand:

  • Fühlen wir uns frei genug, um mit reinem Gewissen und unserer tatsächlichen inneren Einstellung tagtäglich auch beruflich handeln zu können oder fühlen wir uns genötigt, aus Loyalität unserem Arbeitgeber oder anderen Menschen gegenüber Standpunkte zu vertreten, hinter denen wir nicht stehen?
  • Entscheiden wir uns in anstehenden Lebensfragen in Freiheit für das, was wir dann tun oder stehen hinter den Entscheidungen tief empfundene Normen und Konventionen, denen wir uns meinen beugen zu müssen?
  • Schaffen wir es, uns von Verletzungen in unserer Vergangenheit zu befreien, so dass wir in der Lage sind, Situationen unvoreingenommen und vorurteilsfrei zu bedenken?
  • Fühlen wir uns verpflichtet, in gewisser Weise anderen Menschen gegenüber zu handeln, weil sie uns möglicherweise einen Gefallen getan haben oder handeln wir tatsächlich aus freiem Willen und ohne Erwartung einer Gegenleistung?
  • Haben wir aus Opportunismus in früherer Zeit Entscheidungen gefällt und befinden uns nun in einer Situtation, in der wir uns gefangen fühlen?

Die Beantwortung dieser oder ähnlicher Fragen ist nicht immer einfach und es wird immer Situationen geben, in denen wir bewusst eine bestimmte Entscheidung fällen, wenngleich wir wissen, dass wir damit eine Verpflichtung eingehen, die wir möglicherweise einmal in Frage stellen werden.

Die Alternative kann jedoch auf keinen Fall sein, keine Entscheidung mehr zu fällen, denn damit erlangen wir das Gegenteil von Freiheit: Wir sind zutiefst abhängig von den Entscheidungen der anderen in unserer Umgebung. Vielmehr ist es ein wichtiger Aspekt von Freiheit, Entscheidungen überhaupt fällen zu können. Es gehört jedoch unerlässlich dazu, sich die oben genannten und auch weitere Fragen zu stellen, bevor man eine Entscheidung fällt. Das Risiko ist dann, dass die Entscheidung die Falsche war. Aber mag dieses auch noch so groß sein: Es ist für den Erhalt der Menschheit und des menschlichen Wesens von größter Bedeutung, dieses Risiko immer wieder einzugehen. Denn ist es nicht genau das, was den Menschen ausmacht: Die Möglichkeit zu haben zu wählen zwischen zwei oder mehreren Optionen und sich dann für eine entscheiden zu können?

Ein Tier hat diese Möglichkeit nicht – es muss unmittelbar aufgrund seines Überlebens- oder Fortpflanzungstriebes reagieren. Der Mensch hat diese Triebe auch – aber er hat zudem die Wahl, auch gegen seinen Trieb zu reagieren und aufgrund von anderen Motiven zu handeln.

Bildung

In Gesellschaft und Medien sorgt das Thema Bildung in regelmäßigen Abständen für Diskussionsstoff. Beteiligt sind in diesen Diskussionen nahezu alle Teile der Gesellschaft – Kirche, Politik, Bildungsinstitutionen sowie Wissenschaft und Forschung. Immer wieder wird gestritten, welche Bedeutung Bildung hat, wie hoch die Bildungsausgaben sind und sein sollten, einmal wird Bildung zur Chefsache ernannt, dann jedoch verschwinden notwendige Reformen wieder in den Schubladen.

Ursprünglich entstammt Bildung dem althochdeutschen Wort biliden: einer Sache Gestalt und Wesen geben. Der Begriff impliziert also künstlerisch Schöpferisches genauso wie die göttliche Schöpfung – und hat damit auch immer eine wert-gebende Bedeutung. In den Bereich der Pädagogik fand das Wort erst im 18. Jahrhundert Einzug. Im etymologischen Wörterbuch des Dudenverlages findet sich dazu jedoch auch die Bemerkung, der Begriff verflache aber vielfach zur Bezeichnung bloßen Formalwissens.

Und hier liegt auch die Krux: Solange wir über Bildung als den Bereich der Vermittlung von Formalwissen diskutieren, wird die Bedeutung von Bildung für die Menschheit – und damit das Wesen des Menschen – für Politik und Gesellschaft nicht klar sein. Die Wichtigkeit des Themas und die damit verbundene Notwendigkeit der Erhöhung der Bildungsausgaben kann gar nicht erkannt werden.

Die inhaltliche Aushöhlung des Wortes Bildung in einen direkten Zusammenhang mit der großen Problematik der momentanen Krisen zu stellen, ist sicherlich eine gewagte These. Es finden sich gewiss genug Gegenargumente – dennoch möchte ich die These stellen, zeigt doch die Geschichte, dass Bildung im Sinne von Wissen allein keine Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft und Wohlstand ist – im Gegenteil: die von Francis Bacon geprägte Aussage „Wissen ist Macht“ hat letztlich oftmals einen negativen Beigeschmack. Der Irrtum liegt in der falschen Verwendung dieser Aussage. Bacon meinte nicht, dass die Anhäufung von „Wer-wird-Millionär“-Wissen, also dem reinen theoretischen Wissen, Grundlage von Macht wäre. Vielmehr ging es ihm um die wissenschaftliche Denkweise der Scholastik, also dem Überprüfen und der Klärung von bestimmten Fragestellungen anhand von genauen theoretischen Erwägungen. Behauptungen sollen hier genau untersucht werden, Gegenargumente geprüft und erst dann wird über die Richtigkeit einer Theorie entschieden.

Es geht hier nun nicht um die Scholastik als solche – vielmehr soll anhand der Nennung dieser Methode auf den Bildungsbegriff rückgeschlossen werden, der eben nicht mit Wissen allein gleichgesetzt werden kann, sondern mehr ist als das: nämlich eine wirkliche Auseinandersetzung mit den einzelnen Wissensbereichen und Themen. Dazu gehört eine grundlegende Kenntnis über die Entstehung der einzelnen Theorien, das Wissen um die gesellschaftliche Ordnung zu der Zeit, in der sie entstanden sind und – vor allem – das Wissen darüber, welche Probleme die Menschheit in ihrer Geschichte zu bewältigen hatte, welche Fehler sie dabei gemacht hat, auf welche Irre-Führer sie hereingefallen ist und welche Entscheidungen auf der anderen Seite Frieden und Wohlstand mit sich brachten. Dazu gehört auch das Wissen über bestimmte psychologische Mechanismen im Denken, Fühlen und Handeln des Menschen und das Erlernen, sich in Reaktionen des jeweiligen Gegenübers ein Stück weit hineinfühlen zu können. Nicht ich bin der Nabel der Welt und somit die Reaktionen der anderen fehlerhaft, sondern die Handlungsweisen meiner Mitmenschen haben ihre Ursachen und können erst nach genauer Prüfung auch meiner eigenen Handlungen als falsch oder richtig gewertet werden. Zudem besteht die Möglichkeit, dass ein abschließendes Urteil über falsch und richtig gar nicht gefällt werden kann, weil die Komplexizität des Problems zu umfassend ist.

Wenn wir also von Bildung in ihrem eigentlichen Sinne sprechen, dann fließen all diese Bereiche der Psychologie, der Geschichte, der Natur- und Geisteswissenschaften und der menschlichen Emotionalität mit hinein. Um diese zu vermitteln reicht es nicht, Erziehern, Kinderpflegern, Sozialpädagogen und Lehrern Fachwissen und Didaktik zu vermitteln, vielmehr gehören Kenntnisse über neuropsychologische Forschungen im Frühkindlichen Bereich, die Herausbildung der Möglichkeit, auf ein Gegenüber einzugehen und tatsächliche Sozialkompetenz dazu. Das Fachwissen darf nicht nur in der Fähigkeit der Beantwortung von Fragen zu entsprechenden Themen liegen, vielmehr muss die Auseinandersetzung mit den Themen gefördert werden, Kritik an bestehenden Behauptungen gefördert und die eigenen Empfindungen bei bestimmten Theorien diskutiert werden. Kindern zu vermitteln, dass die Welt nicht aus festgefügten Gegebenheiten besteht, sondern dass sie veränderbar und ein Mitdenken immerzu erforderlich ist, würde in der Folge zu einer tatsächlichen Bildung von mündigen Staatsbürgern führen. Dies allein ist dann zwar noch immer keine Garantie für eine Gesellschaft, die im Frieden miteinander lebt. Aber eine Basis dafür ist dadurch auf jeden Fall geschaffen.

Bildungsausgaben müssen also genau dorthin fließen: In die Ausbildung der Pädagogen, in die Attraktivität der pädagogischen Berufe und in die äußeren Umstände, unter denen die Kinder aufwachsen: Raum für ihre Entwicklung, Personen, die auf ihre Fragen eingehen können und die Zeit und Möglichkeit, durch das Infragestellen von Wissensinhalten Wissen zu erwerben.

Erst dann kann man von Bildung sprechen, die dem zwischenmenschlichen Miteinander eines Zoon politicon auch wirklich entspricht.