Selbstoptimierung

Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.

Mit dieser Aussage stellt sich Michel Foucault in eine absolute Opposition zu einem zunehmenden Streben der Selbstoptimierung. Selbstoptimierung meint, man könne ALLES erreichen. Und zwar mit reinem Willen und Disziplin. Und wenn man dort nicht hinkommt, wo man hin will: Ganz oben auf die oberste Sprosse der Karriereleiter, schlank und mit gestähltem Körper, faltenfrei und fit, gesund, mit dickem Geldbeutel und der Mastercard ohne Limit – dann hat man sich nicht genug angestrengt und war nicht diszipliniert genug. Dann hat man es nicht geschafft, sein eigentliches „Ich“ zu entdecken und wird in seinem mickrigen Selbst verhaftet bleiben.

Dieses mickrige Selbst jedoch ist das, was wir uns weigern anzuerkennen, denn es ist (mehr oder weniger) schwach und seine zeitlichen sowie geistigen Ressourcen sind begrenzt. Dieses mickrige Selbst weist Makel auf: körperliche mit steigendem Alter zunehmend, geistige möglicherweise auch. Und dieses mickrige Selbst ist irgendwann wahrscheinlich gezwungen, seine Selbst-Autonomie aufzugeben und sich in die Angewiesenheit auf andere Menschen in seiner Umgebung zu begeben. Dieses mickrige Selbst ist schlicht: menschlich!

Selbstoptimierung hingegen möchte all das verneinen. Sie verspricht, dass wir – wenn wir genug Willen dazu an den Tag legen – all diese Hindernisse überwinden können und nahezu ewig jung, einflussreich und schön bleiben werden. Hilfe auf diesem steinigen Weg bieten die verschiedensten Apps und Geräte: Schritt- und Kalorienzähler, Blutdruck- und Pulsüberwacher, Animateure zu produktiverer und effizienterer Arbeit. Dazu gibt es die Möglichkeit, auch seine Ziele in der Freizeit überwachen zu lassen: Wurde die geplante Menge an Büchern gelesen, die Vokabeln der neuen Fremdsprache gelernt, das romantische Abendessen mit dem Freund durchgeführt und der Berg am Wochenende bestiegen? Sogar seinen Schlaf kann man überwachen lassen und am Morgen das Diagramm zu den REM-Phasen einsehen und daran feststellen, wie effizient der Schlaf war.

Natürlich – Bilanzen geben Sicherheit. Messbare Zahlen vermitteln ein messbares Selbst und damit eine messbare Realität, die sich sonst nur subjektiv erfassen lässt.
Gefährlich dabei ist, dass wir den Wert des Lebens selbst meinen messen zu können: dieser sinkt dann freilich aus der Sicht der Selbstoptimierer exponentiell zur Zunahme der Bewegungsunfähigkeit, steigender Krankheitsanfälligkeit und abnehmender Fitneß. Auch vergessen wir dabei, dass nicht alles anhand von noch so ausgeklügelten Algorithmen zu berechnen ist: Hatten wir möglicherweise nur zwei statt drei REM-Phasen, dafür aber einen schönen Traum? Haben wir einen scheinbar unproduktiven Tag verbracht, an dem wir die Wohnungstür nicht mal einen Spalt breit aufgemacht haben, dabei jedoch haben wir wunderbar nachgedacht, tolle Serien gesehen und eine Super-Pizza gegessen? Haben wir den Ausdauersport ausgelassen, statt dessen fünf Cocktails getrunken, hatten dabei einen wirklich unvergesslichen Abend mit unseren Freunden und sind – 1kg schwerer und völlig betrunken – aber wahnsinnig glücklich ins Bett gefallen?

Selbstoptimierung verspricht eine grenzenlose Freiheit: Die Freiheit, alles erreichen zu können, ewig zu leben und dabei fit und gesund zu bleiben. Der Preis dafür ist, sein Leben permanent zu bilanzieren und zu zertifizieren. Man befreit sich damit ein Stück weit von der Last, ununterbrochen Entscheidungen zu fällen – diese Aufgabe übernehmen von nun an die Apps und Geräte für einen. Man befreit sich vielleicht auch ein Stück weit davon, darauf zu hoffen, dass das Schicksal es gut mit einem meinen möge, denn auf das Schicksal ist man nicht mehr angewiesen, man nimmt es ja – vermeintlich – selbst in die Hand – wehe, es schlägt einem dann jedoch ein Schnippchen.

Doch ist nicht vielleicht das sogar die eigentliche Freiheit: Nicht alles permanent in der Hand haben zu müssen? Sich helfen lassen zu können? Die eigene Begrenztheit anerkennen zu dürfen und damit auch den eigentlichen Wert des Lebens – gerade durch seine Endlichkeit – erfassen zu können? Und ist es nicht unsagbar befreiend, sich nicht ständig dem Druck beugen zu müssen, einem Selbstbild zu entsprechen, welches man trotz unsäglicher Mühen letztlich niemals erreichen wird? Kurz: Frei davon zu sein, unablässig an sich arbeiten zu müssen und frei zu sein für ein Leben mit Höhen und Tiefen und – Überraschungen?

Wenn man dies erkannt hat, wird einem vielleicht noch eine weitere Freiheit klar: die Freiheit, einfach so sein zu dürfen, wie man ist!

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Wenn wissenschaftliche Ergebnisse nicht passen, sind die Wissenschaftler Schuld!

Es ist bereits das zweite Mal in kurzer Zeit, dass Mitglieder der CSU aus wissenschaftlichen Studien interessante Schlüsse ziehen. Aktuell geht es um die PKW-Maut, bei der der wissenschaftliche Dienst des Bundestages zu dem Schluss kam, dass die Maut rechtswidrig sei (http://www.sueddeutsche.de/auto/verstoss-gegen-europarecht-bundestagsexperten-nennen-dobrindts-pkw-maut-diskriminierend-1.2074419). Allerdings sei – so die CSU – das Gutachten schlecht durchgeführt und daher nicht richtig. CSU-Generalsekretär Scheuer plädiert sogar dafür, die Gutachter nicht mehr für den wissenschafltichen Dienst arbeiten zu lassen.

Ein ähnlicher Fall war letzte Woche die Diskussion um das Betreuungsgeld. Hier hatten Wissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts und der Universität Dortmund mehr als 100.000 Eltern mit Kindern unter drei Jahren befragt. Sie hatten dabei herausgefunden, dass die Inanspruchnahme des Betreuungsgeldes bei sozial benachteiligten Familien oftmals dazu führt, dass deren Kindern das staatliche Angebot der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung entgehen würde. In der Folge könnten deren Chancen im späteren Schul- und Berufsleben dadurch eingeschränkt sein.

Auch hierzu kam von Seiten der Europaabgeordneten Niebler (CSU) in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die Anklage, dass wissenschaftliche Studien doch gar nicht wiedergeben könnten, was tatsächlich dem Alltag der Familien entspräche (http://www.deutschlandfunk.de/betreuungsgeld-rueckmeldungen-der-familien-sind-positiv.694.de.html?dram:article_id=292964). Angelika Nieber spricht in dem Interview davon, dass sie mit vielen Menschen gesprochen hätte, die das Betreuungsgeld sehr hilfreich fänden. Dies wäre im Gegensatz zu einer wissenschafltichen Untersuchung Beweis genug, dass das Betreuungsgeld die richtige Entscheidung wäre.

Eine solche Verweigerungshaltung gegenüber Fakten, die – im Falle der frühkindlichen Bildung – Weichen stellen könnten auf dem Wege zu einer tatsächlichen Chancengleichheit oder die Fakten, die die geplante Maut als eine Konterkarierung einer einheitlichen europäischen Gesetzgebung entlarven ist wirklich erschreckend. Nicht die Wissenschaftler sollten ausgewechselt werden, sondern die Politiker, die deren Forschungen nicht anerkennen.

Deutsch-Französische Mahnung

Während Hollande und Gauck im Elsass den Schrecken des Ersten Weltkrieges am Tag der deutsch-französischen Kriegserklärung vor 100 Jahren gedenken, nutzte Putin den 1. August – den Tag der deutsch-russischen Kriegserklärung – dazu, Russlands immerwährendes Streben nach Frieden hervorzuheben und zu propagandieren, wie sehr Russland auch früher schon gegen seinen Willen in Kriege hineingezogen wurde. Russland wurde auch damals nicht gehört, als es den serbisch-österreichischen Konflikt friedlich habe lösen wollen – es blieb letztlich nie etwas anderes übrig, als in die Kriegshandlungen einzusteigen, um den slawischen Brüdern zu helfen (http://www.sueddeutsche.de/politik/mahnung-von-putin-europas-friede-ist-zerbrechlich-1.2074264).

Der Beginn des Ersten Weltkrieges lässt also die Welt daran denken, wieviel Leid und Tod Kriege schon immer über den Menschen gebracht haben und wieviele Perspektiven auf der anderen Seite der Friede für die Menschen eröffnen könnte.

Währenddessen toben Kriege im Gaza-Streifen, im Osten der Ukraine, in Syrien und im Irak. Auch in Libyen flammen erneut Kämpfe zwischen bewaffneten Milizen auf. Weitere Konfliktherde köcheln mehr oder weniger von der Weltgemeinschaft unbeachtet vor sich hin.

Doch wie kann dieser Hass besiegt werden und Friede einkehren in all den Gebieten? Nicht nur jeder einzelne fühlt sich machtlos, auch die Politik scheint vollkommen hilflos angesichts all der menschlichen Grausamkeit. Von allein wird in keinem der Krisengebiete eine Einigung zwischen den Parteien zu erzielen sein. Voraussetzung für Verhandlungen ist vor allem in einem ersten Schritt eine andauernde Waffenruhe. Diese wird ohne verstärkte internationale Präsenz in den entsprechenden Gebieten nicht umzusetzen sein. Solange zudem Gelder und Rüstung von westlichen Wirtschaftsnationen permanent in die Krisengebiete fließen, wird hier kein Ende der Gewalthandlungen in Sicht sein.

Doch erst mit einem Ende der direkten Kampfhandlungen wird über weitere befriedende Maßnahmen zu verhandeln sein. Ein Ende jeglicher struktureller Gewalt – und das bedeutet natürlich vor allem ein Machtverlust der Regierung gegenüber dem Volk – wäre dann ein langfristiges Ziel. Wahrscheinlich wird es ein Wunschtraum bleiben.