Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.

Dieses Zitat von John F. Kennedy ist gut bekannt – und es ist heute noch genauso aktuell wie vor 50 Jahren. Die neueste Forderung der Nationalakademie Leopoldina und weiterer Wissenschaftsakademien lautet: Vorschulkinder brauchen mehr Bildung! Laut SZ ist eines der Grundprobleme unserer frühkindlichen Kinderbetreuung, dass die Qualität eben dieser sehr zu wünschen übrig lässt. Die Betreuerinnen hätten zu wenig Kenntnis über die frühkindliche Entwicklung, die Gruppen seien zu groß – was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir zu wenig Kinderbetreuerinnen haben – und damit in direktem Zusammenhang stehend gingen Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen zu wenig auf Defizite der Kinder ein. Denn hierzu fehlt eben zum einen das pädagogische Wissen, wann man eingreifen müsste und zum andern die Zeit, sich wirklich mit den Kindern zu beschäftigen.

Gemessen an unserer Wirtschaftskraft liegen unsere Bildungsausgaben auf einem solch niedrigen Niveau, dass man sich immer wieder von neuem fragen muss, was genau denn so schwierig daran zu verstehen ist, dass vor allem in diesen Bereich investiert werden muss. Laut OECD (http://www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm) stagnieren die Bildungsausgaben in Deutschland seit 1995 nicht nur, sie sinken, und zwar von 3,4 auf 3,2% des BIP. Verglichen mit Ländern wie Norwegen, Finnland oder Dänemark, in denen die Ausgaben entweder konstant bei 5 % liegen oder auf 5 % stiegen, kommt Deutschland hierbei schlecht weg. Und dabei stehen wir vor immer größeren Anforderungen, wenn wir den Menschen in unserer pluralistischen und vielseitigen Gesellschaft wirklich gerecht werden wollen und – das nicht zu vergessen! – auf der anderen Seite unsere Wirtschaftskraft erhalten wollen.

Die Bildungsgeschichte in Deutschland hat natürlich – verglichen mit anderen Ländern – vieles zu bewältigen gehabt. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand das Ideal der bürgerlichen Familie, in der die mütterliche Erziehung Vorrang hatte (um dieses Ideal wird bis heute gestritten). Ein tiefer Einschnitt war sicherlich der Nationalsozialismus, in dem es nicht mehr um ein breite Bildung ging, sondern um die Vermittlung von rassistischen Idealen und die Vorbereitung auf einen Krieg. Der Aufbau von neuen Strukturen und die Entnazifizierung von pädagogischen Lehrmeinungen erforderte in der Nachkriegszeit viel Kraft. Mit Zunahme der Berufstätigkeit von Frauen verlagerte sich dann die Erziehung von der Kernfamilie weg zur Kinderbetreuung. Der Staat allerdings sah sich dabei nur als ein Gebilde, das die Familien dabei etwas unterstützt – in wirkliche Kinderbetreuung mit pädagogischer Förderung wurde nicht investiert. Nach der Wende dann stießen zwei deutsche Gesellschaften aufeinander, die auch im Bereich der Kindererziehung sehr unterschiedlich entwickelt waren – in der ehemaligen DDR lag beispielsweise die Zuständigkeit für Erziehungsfragen beim Erziehungsministerium und war in den Schulbereich integriert. Somit war auch die Betreuung sehr gut ausgebaut. Auch hier stellt sich die Frage, welche Konzepte in den folgenden Jahren entideologisiert werden konnten und nun in ein bundesdeutsches Konzept übernommen und entwickelt werden können und welche nicht.

Was übernommen wurde ist, dass der Ausbau von Kindertagesstätten zwar voranschreitet. Es ist somit gewährleistet, dass die Kinder beaufsichtigt sind und sich möglichst wenig Arme brechen oder ihnen sonstiges körperliches Unheil widerfährt. Inhaltlich jedoch hat sich kaum etwas entwickelt. Zwar gibt es bereits umfangreiche Lehrpläne für Kindergärten – die Theorie also steht, scheitert aber an der Realität der kindlichen Bedürfnisse und den Kapazitäten des Erziehungspersonals! Denn umgesetzt und verbessert kann dieser gut gemeinte Lehrplan solange nicht werden, wie die Bezahlung der ErzieherInnen und KinderpflegerInnen so miserabel ist, dass kaum jemand diesen Job machen will.

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4 Gedanken zu “Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.

  1. Nelson Mandela hatte eine besondere Stärke: Er stellte Fragen und Fragen und wieder Fragen, und zwar solange, bis er auch die kompliziertesten Probleme verstanden hatte. So hat er viele Annahmen, die man selbstverständlich voraussetzte, zu Fall gebracht. Bildung ist auch ein Thema das von stillschweigenden Annahmen nur so wimmelt: Beispiel Nr. 1: Bildung muss in öffentlichen Institutionen stattfinden, insbesondere in der Schule. Beispiel Nr. 2: Mit Geld lassen sich Bildungsprobleme lösen („Investitionen in Bildung“). Sind die Annahmen richtig?
    Bildung beginnt im Grunde schon vor der Geburt. Man hat festgestellt, dass bereits Neugeborene die Stimme ihrer Mutter von fremden Stimmen unterscheiden können. Sie haben also schon etwas gelernt. Ist Lernen nicht so etwas wie bewusstes Wahrnehmen, Verarbeiten und Erinnern? Wenn das so ist, lernen wir ständig (selbst dann wenn wir nur beim McDonald essen gehen). Wäre es dann nicht essentiell zu lernen, sinnvolle von weniger sinnvollen Lehrinhalten zu unterscheiden? Und zwar gerade auch im Alltag? Wo lernen wir, gute Entscheidungen zu treffen? Welchen Einfluss haben Emotionen und Bindungen auf die Lernmotivation? Und wie gut und effizient sind öffentliche Institutionen (Schule, Kindergarten, Krippe) in diesem Bereich?
    Mein Eindruck ist: Viele wesentliche Fragen sind noch gar nicht gestellt.

  2. Ich stimme dir voll und ganz zu – mit frühkindlicher Bildung meine ich persönlich auch nicht chinesisch ab 2, sondern Spiele wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder ein Spaziergang, bei dem man sich mit den Dingen, die es zu betrachtet gibt, auseinandersetzt. Das fördert die Kinder in ihrer Wahrnehmung und lässt sie lernen. Und dann kann man weiter gehen und die Kommunikation fördern, indem man den Kindern hilft, Formulierungen zu finden für das, was sie erleben.
    Diese Art der Bildung ist nicht an einen speziellen Ort gebunden, kann also auch außerhalb von Bildungseinrichtungen gut, teilweise auch eben besser, erfolgen. Das Problem ist aber, dass viele Elternhäuser dazu nicht in der Lage sind – diese Kinder und Jugendlichen kriege ich tagtäglich mit. Da wissen die Eltern im November nicht, dass ihr Kind seit September nur einmal die Schule besucht hat. Da geben die Eltern ihren Kleinkindern fast ausschließlich Cola zu trinken, so dass die wenigen Milchzähne, die schon vorhanden sind, bereits schwarz sind. Und und und…
    Und hier muss tatsächlich von anderer und qualifizierter Seite her eingegriffen werden, damit diese Kinder und Jugendlichen die Chance bekommen, ein eigenverantwortliches Leben führen zu können. Eine gut geführt Kindertageseinrichtung mit gut ausgebildeten Erzieherinnen, die gut verdienen und nicht mehr als 10 Kinder zu betreuen haben und die Spass an ihrer Arbeit mit den Kindern haben, könnte zumindest einen hohen Prozentsatz der von zu Hause nicht erfolgten Bildungs- und Erziehungsarbeit auffangen.
    Das muss keine Pflichtveranstaltung sein – viele Familien können dies ja zu Hause leisten. Aber eben bei weitem nicht alle. Und diese Kinder könnten von anderer Seite her die Unterstützung bekommen, die sie brauchen.
    Und hier könnte Geld einen wesentlichen Beitrag leisten – bei der Ausrüstung der Tagesstätten, bei der Ausbildung der Erzieher und bei der Bezahlung der Angestellten, bei der Menge der Angestellten, bei der Fortbildung und dann wieder der Ausbildung.

  3. Wenn Kleinkinder nur Cola zu trinken bekommen, muss natürlich eingegriffen werden. Die Frage ist nur, wie? Könnte es in einem solchen Fall nicht z.B. sinnvoller sein, die Eltern zu begleiten und zu beraten?

    Die Probleme sind vielfältig. Daher gibt es immer auch vielfältige Lösungsansätze. Die Bildungsdiskussion in Deutschland ist mir zu eindimensional. Mehr Kreativität wäre gut.

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