Non scholae, sed vitae discimus?

Seneca sagte es schon damals ganz richtig: Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir! Jedem Schüler wird jedoch von der 1. Klasse an das Gegenteil wiederholt erzählt, nämlich dass er nicht für die Schule lerne, sondern für das Leben. Eine gesonderte Auswertung der aktuellsten Pisa-Studie beschäftigte sich nun damit, wie gut Schüler nicht nur allgemein in Deutsch, Englisch, Mathe oder anderen Fächern abschneiden, sondern wie gut sie alltägliche Probleme zu lösen in der Lage sind. Deutschland schloss bei der Auswertung nicht gut ab.

Verwunderlich ist das nicht. Die Ursachen dafür sind sicherlich vielfältig und kenntnisreiche Pädagogen werden sich damit nun auseinandersetzen. Das aber genau ist m.E. das Problem. Der Bildungssektor wird immer deutlicher auf das Pädagogische reduziert. Es gibt viel zu wenig interdisziplinäre Herangehensweisen – und das wiederum ist ein Kreislauf, der bei den Schülern anfängt, sich im Studium der künftigen Pädagogen fortsetzt und sich bei den zukünftigen Professoren für die pädagogischen Fächer manifestiert.

Wir haben ein Problem!

Denn es betrifft ja nicht nur das pädagogische Feld. Während wir 1988 noch ca. 17.000 verschiedene Berufsklassifikationen hatten, sind es im Jahr 2010 bereits fast 24.000 – also 7.000 Berufe mehr. Das heißt, es findet eine immer stärkere Spezialisierung statt. Und das sowohl in den Ausbildungsberufen als auch im akademischen Bereich. Eine breite Allgemeinbildung bleibt außen vor. Eine spezialisierte Fachkraft beherrscht nun zwar explizit ihr Fach und das ausgezeichnet. Mehr jedoch auch nicht. Ausbildung bedeutet aber mehr als nur die korrekte Ablieferung einer Diplom- oder Magisterarbeit, die Beherrschung des korrekten chirurgischen Schnittes, die gut ausgeführte Bedienung einer Maschine oder die richtige Berechnung einer mathematischen Fragestellung. Ausbildung wäre eigentlich ein ganzheitliches Konzept, zu der die Beherrschung eines Berufes genauso gehört wie das Erlernen von sozialen Kompetenzen wie Konsequenzenbewusstsein und Verlässlichkeit. Zu einer Ausbildung gehört des Weiteren, Zusammenhänge zu verstehen zwischen dem persönlichen Leben und den Auswirkungen seiner eigenen Handlungen auf die Gesellschaft. Und zu einer Ausbildung gehört auch das Verständnis von der Wertigkeit seiner Umwelt und jeden menschlichen Lebens.

Um das alles vermitteln zu können, braucht es Ausbilder und Professoren, die selbst dazu in der Lage sind. Die sich eine Haltung zu den Vorgängen in der Welt erarbeitet haben und umgekehrt wissen, wo sie Halt finden können. Wenn aber Ausbilder und Professoren ebenso haltlos sind – wie sollen sie Wissen und Lebenskonzepte weitergeben, die tatsächliche Lebensnähe beinhalten?

 

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5 Gedanken zu “Non scholae, sed vitae discimus?

  1. Leider ist das genannte Problem ziemlich weit verbreitet. Das wird oft in den Medien deutlich, wo häufig nur oberflächliches Wissen spürbar ist.
    Bildung ist mehr als Ausbildung! Ausbildung ist schon begrenzt auf ein bestimmtes Ziel, eine Fertigkeit, einen Beruf, Bildung ist aber der allgemein gefestigte Boden, auf dem Ausbildung (bes. akademische) erst ihre Frucht bringen kann. Deswegen sind ja auch die Schulen in Europa so grundsätzlich ausgerichtet, sie wollen Bildung vermitteln, aber ein großer Teil unserer Gesellschaft sucht nur das, was nützlich ist. Und unter dieser Zielsetzung kann Bildung nur schief laufen!

  2. Lernen wir denn nur in der Schule für das Leben? „Eine gesonderte Auswertung der aktuellsten Pisa-Studie beschäftigte sich damit, wie gut Schüler alltägliche Probleme zu lösen in der Lage sind.“ Ist nicht die Familie ein viel geeigneterer Ort, um zu lernen, wie man mit Problemen des Alltags umgeht. Die Familie ist näher dran am Leben, die Schule immer in gewisser Weise eine künstliche Welt.

    „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.“ So sagt es unser Grundgesetz. Dazu gehört auch, Kinder beizubringen, wie man mit alltägliche Probleme löst. Und viel mehr als das…

    „Es gibt viel zu wenig interdisziplinäre Herangehensweisen.“ Genau. In der Familie sollte genau das stattfinden. Familien gehören gestärkt. Eltern sollten ermutigt werden, ihre Rechte und Pflichten auszuüben.

    • Ich denke auch, dass Familien ein sehr wichtiger Ort sind – aber sie sind dazu nicht immer oder sogar oft nicht in der Lage. Es gibt Familien, die sowohl intellektuell als auch von ihren erzieherischen Fähigkeiten tatsächlich dies alles leisten können – aber das sind nicht viele. Und wenn Kinder älter sind und in die Pubertät kommen, sind Eltern oftmals erst mal nicht mehr diejenigen, die ihren Eltern etwas beibringen, da sie von den Kindern ja eher mit Abwehr belegt sind (was ja auch ein wichtiger Vorgang ist), dann brauchen sie oft auch andere „Vorbilder“.
      Schule bleibt also für einen Großteil der Kinder und Jugendlichen ein wichtiger Ort, der auch mehr versuchen sollte, zu vermitteln als Kurvendiskussion oder Grammatik.

  3. Genau diese Argumentation ist ein wesentlicher Teil des Problems. Sobald von Familie die Rede ist, werden gerade in Deutschland deren Defizite betont. In der allgemeinen politischen Diskussion wird fortwährend der Eindruck erweckt, das ein Großteil der Eltern zur Erziehung ihrer Kinder nicht in der Lage wären. Damit werden Eltern ent- statt ermutigt.

    Gleichzeitig wird die Illusion aufrecht erhalten, dass Schule die (angeblichen) familiären Defizite auch nur annähernd ausgleichen könnte. Das bei einem Betreuungsschlüssel von 1 : 30 wenig realistisch.

    Schließlich wird in Deutschland nahezu flächendeckend verkannt, dass Schule einen Teil der Probleme selbst produziert. Ich meine das Thema Gleichaltrigenorientierung….

  4. So wie Schule oft beschaffen ist, kann sie das wirklich nicht. Allerdings läuft da auch einiges schief… Grundsätzlich KANN Schule aber ein guter Ort sein, der auf das Alltags- und Berufsleben gut vorbereitet und das eben auch sollte. Das ist wiederum eine Aufgabe, die Eltern nicht zwingend leisten müssen – das ist nicht ihre allererste Pflicht. Wenn sie das möchten und können, dann ist das ja auch gut so, aber sie müssen es nicht und dafür gibt es ja eigentlich die Schulen, die aber mehr vermitteln sollten als den reinen Schulstoff.
    Die Sache mit dem ent- statt ermutigen ist nachdenkenswert, da könnte schon was dran sein…

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